Mail aus Amerika (13)

Sehnsucht nach Kanada

Manchmal wären die Amerikaner gerne so froh wie die Kanadier.

Manchmal wären die Amerikaner gerne so froh wie die Kanadier.

Boston ist eine linksliberale Hochburg wie andere Städte an der amerikanischen Ost- und Westküste auch. 85 Prozent haben hier Hillary Clinton gewählt, und viele schämen sich jeden Tag dafür, dass Donald Trump Präsident ist. Mit einer Mischung aus Sehnsucht und Neid blickt man ins nahe Kanada: Wie toll wäre es doch, Justin Trudeau als Präsidenten zu haben, einen Feministen, der gegen den Klimawandel und für eine offene Migrationspolitik kämpft und dabei jederzeit perfekt aussieht.

Diese Woche flog ich mit einer Gruppe von Harvard-Forschern ins gelobte Land, an einen Internet-Kongress in Toronto, der grössten kanadischen Stadt. Schon am Flughafen hatte man das Gefühl, die Beamten seien freundlicher als in den USA. Toronto präsentierte sich makellos, sauber und sonnig, und ein mitgereister amerikanischer Bewunderer zitierte eine Statistik, wonach hier die Kriminalität fünfmal tiefer sei als in US-Grossstädten – und dies trotz (oder wegen!) des weniger drakonischen Strafrechts. Zudem, wusste er, werde ein Kanadier durchschnittlich zwei Jahre älter als ein Amerikaner, was nicht zuletzt dem gerechteren Gesundheitssystem zu verdanken sei, das für jedermann zugänglich und bezahlbar sei.

Kanada, das bessere Amerika? Die Diskussion erinnert an die Schwärmerei linker Schweizer für skandinavische Länder. Diese sind ebenfalls reich, aber irgendwie gerechter und weniger kapitalistisch. Und frauenfreundlicher. In Kanada hat übrigens das Parlament gerade entschieden, dass der Text der Nationalhymne gender-gerecht verbessert wird. Statt «true patriot love in all thy sons …» soll es künftig heissen «true patriot love in all of us» («in uns allen» statt «in deinen Söhnen»). Da war die konservative Schweiz allerdings schneller: «Heil dir, Helvetia, hast noch der Söhne ja» singt schon lange keiner mehr.

Länder nach ihren politischen Neigungen und Launen zu bewerten, ist kurzsichtig. Das Volk bleibt dasselbe, ob es Obama oder Trump wählt. Trudeaus Vorgänger war ein rechtskonservativer Hardliner, Stephen Harper. Kanada regelt die Einwanderung nach wie vor restriktiv. Aber Trudeau ist ein perfekter Botschafter seines Landes. So wie die Flughafen-Beamten in Toronto, die auch bei unserer Ausreise Richtung USA wieder auffällig freundlich sind.

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