Kolumne

Schwule ausgrenzen erlaubt?

Gerhard Pfister denkt, die Einmischung der Kirchen in die aktuelle Politik sei «ein tiefer Rückfall ins Mittelalter».

Der Autor Peter Rothenbühler war Chefredaktor von «SonntagsBlick», «Schweizer Illustrierte» und «Le Matin». In seiner aktuellen Kolumne schreibt er über gute Christen und die «Schwulenklopfer» aus Chur.

Sehr interessant die Debatte, die kürzlich von CVP-Präsident Gerhard Pfister angestossen wurde. Wie politisch soll und darf die Kirche sein? Pfister denkt, die Einmischung der Kirchen in die aktuelle Politik sei «ein tiefer Rückfall ins Mittelalter». Es gehe nicht an, mit biblischen Normen Politik zu machen. Statt politischer Stellungnahmen sei das ethische Wissen der Kirchen gefragt, als Beispiel nennt er die Ladenöffnungszeiten, welche Kirchen nicht mit einem Ja oder Nein kommentieren sollten, sondern mit einer ethisch sauberen Güterabwägung. Zusammen mit der Freiburger FDP-Politikerin und Theologin Béatrice Acklin Zimmermann hat er einen Thinktank «Kirche/Politik» gegründet.

Acklin fragt: «Sind diejenigen, die sich politisch anders positionieren als ihre geistigen Obrigkeiten, schlechtere Christen?» Natürlich nicht. Und: «Es geht nicht an, dass kirchliche Obrigkeiten die Gläubigen zu gängeln versuchen.» Richtig. Sauer aufgestossen ist vielen Politikern die Aussage der Zürcher Synodalratspräsidentin Franziska Driessen, die SVP sei für Christen nicht wählbar. Die SVP-Asylpolitik könne sie mit ihrem Verständnis des Evangeliums nicht in Einklang bringen. Ebenfalls in die Kategorie Gängelei dürfte die Aussage des Direktors des Katholischen Medienzentrums Zürich, Charles Martig, im Zusammenhang mit der «No Billag»-Initiative fallen, die er «pas très catholique» nannte.

Auch Weihbischof Peter Henrici hat sich zur Aussage hinreissen lassen, ein guter Christ könne nicht SVP wählen. Eigentlich verständlich, dass jetzt Exponenten der SVP demonstrativ aus der katholischen Staatskirche austreten, aus Verärgerung über die politische Einflussnahme der Kirche. Aber was machen sie? Statt in die Kasse der Staatskirche, überweisen sie ihren Obolus in die Kasse des Bischofs von Chur, Vitus Huonder. Ausgerechnet! Mit Argumenten, die im Zusammenhang mit Huonder echt schräg tönen. Austreterin Natalie Rickli sagt: «Die Kirche muss im Gegensatz zu einer Partei für alle Menschen da sein.» Einverstanden. Und: Eine Organisation, die Andersdenkende ausgrenze und verunglimpfe, entspreche nicht ihrem Verständnis von Christentum. Nochmals einverstanden.

Aber wer ist denn der grösste Ausgrenzer im ganzen Land? Wer verunglimpft ganze Kategorien von Menschen wiederholt und dies im Namen der Bibel? Bischof Vitus Huonder und seine Mitstreiter des Bistums Chur werden nicht müde, Bibelstellen zu zitieren, in denen für Homosexuelle die Todesstrafe empfohlen wird. Die «Schwulenklopfer» aus Chur sind also nicht unbedingt glänzende Beispiele für ethische Empfehlungen in aktuellen gesellschaftlichen Fragen. Wobei sich Huonder wahrscheinlich hüten würde, auch gleich das Abhacken von Händen für diebische CEOs und die Steinigung von Ehebrecherinnen zu empfehlen, wie dies zu alttestamentlichen Zeiten auch üblich war.

Nun, wo sie recht haben, haben die SVP-Politiker recht. Zum Beispiel im Verdacht, dass es immer mehr Priester und Pfarrer gibt, die eindeutig linke Positionen favorisieren und dies auch von der Kanzel herab verkünden. Ganz im Gegensatz zu Zeiten, wo Priester noch von der Kanzel herab das Wahlvolk davor warnten, Sozis zu wählen, wie es im Wallis geschah, als «der Löwe von Siders» Karl Dellberg 1935 für den Nationalrat kandidierte (und gewählt wurde).

Nun gibt es natürlich Themen, wo klare Stellungnahmen der Kirchenleute sehr gefragt wären. Nämlich immer dann, wenn mit der Bibel Schindluder betrieben wird, zum Beispiel mithilfe von Bibelzitaten eben Menschen ausgegrenzt und diskriminiert werden. Neustes Beispiel ist das Referendum der Kleinpartei EDU gegen das im Dezember vom Parlament beschlossene Verbot homophober Äusserungen und Handlungen. Die EDU-Leute möchten einen Freipass für ihre homophoben Hassparolen. Die Medien haben dieses Referendum lächerlich gemacht, sie sprechen von einer radikalen Minderheit, die dahintersteckt. Aber gerade das dürfte ein Irrtum sein.

Die evangelikalen Bewegungen, inspiriert von amerikanischen Vorbildern, sind so radikal wie die Islamisten, wenns gegen die Schwulen oder das Recht auf Abtreibung geht. Sie unterwandern fortlaufend die evangelisch-reformierte Landeskirche. Hier wären klare Worte von Kirchenexponenten mehr als nötig. Mit der nötigen Auslegung von Bibelstellen, die nur im Kontext des Altertums zu verstehen sind. Hier geht es nicht um aktuelle Parteipolitik, sondern um das Wesen und die Werte der christlichen Botschaft selbst.

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