Analyse

Schweizer Ski-Team: Alles wunderbar – oder?

Lara Gut und Beat Feuz sorgen für Erfolge: Alles wunderbar - oder?

Lara Gut und Beat Feuz sorgen für Erfolge: Alles wunderbar - oder?

Lara Gut gewinnt den Gesamtweltcup bei den Frauen, Beat Feuz trumpft im Super-G und der Abfahrt gross auf. Ist also alles wunderbar in den Schweizer Skiteams?

Morgen ziehen Hans Flatscher und Tom Stauffer Bilanz. Es wird für die Schweizer Cheftrainer ein angenehmer Auftritt werden. 29 Podestplätze haben die Schweizer Skifahrerinnen und Skifahrer in dieser Saison bisher erreicht. Das gab es letztmals vor vier Jahren. Und mit der Momentaufnahme von St. Moritz, wo Lara Gut die Kristallkugeln für den Sieg im Gesamt- und Super-G-Weltcup erhält und Beat Feuz zweimal siegte, ist die Aussage einfach: Alles wunderbar!

Doch ist das Abschneiden der Schweizerinnen und Schweizer wirklich ein Wunder, wie es das Wort suggeriert? Oder ist es ein Versprechen, dass die WM-Saison im nächsten Winter noch besser wird? St. Moritz heute als Indikator für die Titelkämpfe am selben Ort im Februar 2017?

Ein Wunder ist es nicht. Doch erwartet werden durfte dieses Abschneiden vor der Saison nicht. Nach zahlreichen Rücktritten, unter anderem von Olympiasiegerin Dominique Gisin, startete ein junges Frauenteam in die Saison. Auch diese Zeitung schrieb damals: «Alles hängt an Lara Gut.» Die 24-Jährige erfüllte die Erwartungen. Sie übertraf sie: Sechs Siege, insgesamt zwölf Podestplätze, erste Schweizer Gesamtsiegerin seit 21 Jahren und Disziplinensieg im Super-G.

Doch es ist eben nicht nur Lara Gut. In der Saison-Bilanz des Frauenteams stehen bisher
22 Podestplätze. Seit 1995 waren es nie mehr. Rückblickend lässt sich nun sagen: Manchmal müssen Rücktritte erfolgen, damit Neue ihren Platz finden. Wie zum Beispiel Corinne Suter. Die 21-Jährige fuhr in diesem Winter sechsmal in die Top Ten. Oder Wendy Holdener. Die 22-Jährige gewann ihre ersten beiden Weltcuprennen und holte die kleine Kristallkugel für den Disziplinensieg in der Superkombination. 

Ein Technikerinnen-Team, das vor vier Jahren inexistent war

Wenn dann gleichzeitig Fabienne Suter mit 31 Jahren so erfolgreich fährt wie seit Jahren nicht mehr, ist endgültig klar: In diesem Team stimmt im Moment fast alles. Eine Dynamik, nennt es Cheftrainer Hans Flatscher. Doch vor allem ist es das Resultat von Kontinuität. Seit
der Österreicher vor vier Jahren das Team übernommen hat, kam es auf den Trainerpositionen zu fast keinen Wechseln. So wurde beispielsweise unter der Leitung von Alois Prenn ein Technikerinnen-Team mit Athletinnen wie Holdener und Michelle Gisin aufgebaut, das bereits zur Weltspitze gehört. Das ist vor allem bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass das Slalomteam vor vier Jahren quasi inexistent war.

Die Technikerinnen sind damit so etwas wie der Inbegriff des Aufschwungs im Frauenteam. Sie stehen für die sehr gute Arbeit, die geleistet wurde. Und weil auch im Speedbereich der Nachwuchs bereitsteht, sind die Resultate der Frauen in diesem Winter in der Tat ein Versprechen für die Zukunft. Zumal sich erneut keine grösseren Wechsel im Team abzeichnen.

Feuz ist ein Phänomen, doch das Team ist sehr abhängig von ihm

Auch bei den Männern will Swiss Ski nach Jahren mit vielen Veränderungen im Trainerteam auf Kontinuität setzen. Tom Stauffer beendet seine zweite Saison als Cheftrainer. Dies soll zumindest mittelfristig für einen ähnlichen Effekt sorgen wie im Team der Frauen. Der Plan ist zu begrüssen, der Weg aber noch weit.

Auch die Resultate der Männer sind erfreulicher, als dies vor der Saison erwartet werden durfte. Damals war das Lazarett gross. Beat Feuz verpasste den Saisonstart. Patrick Küng und Carlo Janka stiegen lädiert in den Winter. Und in der Tat wurde es erst besser, als Feuz in Wengen sein Comeback gab. Der 29-Jährige gewann seither zwei Rennen und stand drei weitere Male auf dem Podest. Und das notabene ohne Vorbereitung. Das alleine zeigt, über welch aussergewöhnliches Talent der Emmentaler verfügt.

Es zeigt aber auch, wie abhängig das Team von Beat Feuz und mit Abstrichen von Carlo Janka ist. Die Frage lautet: Was kommt dahinter? Das junge Team der Riesenslalomfahrer hat enttäuscht. Die Slalomfahrer, die lange als Beispiel für den Fortschritt der Jungen auf der Männerseite galten, stagnierten nach einem guten Start in den Winter. In der neuen Saison muss die Entwicklung in diesen Bereichen weitergehen. Für die nahe Zukunft und die WM ist bei den Männern aber vor allem Feuz ein Versprechen.

martin.probst@azmedien.ch

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