Mail aus Amerika (12)

Schweiz? Amazing!

Inzwischen sind die Amerikaner nach den Deutschen die zweitgrösste Besuchergruppe in der Schweiz. (Symbolbild)

Inzwischen sind die Amerikaner nach den Deutschen die zweitgrösste Besuchergruppe in der Schweiz. (Symbolbild)

«Nordwestschweiz»- und «Schweiz am Wochenende»-Chefredaktor Patrik Müller hält sich zurzeit für eine Weiterbildung in Boston auf. In seinem Mail aus Amerika schreibt er heute über das Thema Schweiz in den USA.

Was fällt Amerikanern ein, wenn sie «Schweiz» hören? Die Reaktion von Taxifahrern, Professorinnen oder Nachbarn auf meine Herkunftsdeklaration ist oft vielsagend. Fast alle reagieren begeistert: Amazing! Awesome! Entweder waren sie schon in diesem Land, oder sie möchten mal hin.

Namen, die spontan schon gefallen sind: Roger Federer, Sepp Blatter – aber auch Oprah Winfrey, die bekannteste Fernseh-Talkerin der USA, um die es einen Wirbel
gegeben hatte, weil ihr beim Shoppen in einer Zürcher Boutique eine superteure Tasche vorenthalten worden war. Der Vorfall geschah 2013, doch zweimal war er in Small-Talks ein Thema. Kein einziges Mal wurde ich in meinen drei Monaten USA bislang auf Banken, Steuerbetrug, Minarettverbot oder Blocher ange-sprochen.

Als aufmerksamer Medienkonsument – gelegentlich «Fox and Friends» am TV, um Trumps Welt zu verstehen, dann die wichtigen Zeitungen online und die Regionalzeitung auf Papier – begegnet mir die Schweiz praktisch nie. Natürlich liest man im Wirtschaftsteil von Nestlé und Novartis, aber ohne Schweiz-Bezug.

Doch diese Woche war die Schweiz sehr präsent. Die «Washington Post» druckte sogar fehlerfrei einen Absatz auf Deutsch: «Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium, wir betreten feuertrunken, Himmlische, dein Heiligtum!» Es ging um den Freitod des 104-jährigen Australiers David Goodall, der zum Sterben nach Basel fuhr und diese Passage aus Beethovens Neunter offenbar auf Deutsch gesungen hat.

Die Zeitung zitierte Goodall: «Die Schweiz ist ein schönes Land, aber eigentlich wäre ich lieber in Australien geblieben. Leider ist dort die Sterbehilfe verboten.» Ausführlich erklärten US-Medien das liberale Schweizer Recht und verglichen es mit der Regelung in anderen Ländern. Auch am Forschungsinstitut, an dem ich arbeite, sprachen wir darüber: Da kannte man den Schweizer Sonderfall bereits und beurteilt ihn positiv. Es wäre nicht erstaunlich, würde der Sterbetourismus aus den USA nach den Schlagzeilen dieser Woche zunehmen.

Zum Glück reisen die Amerikaner aber vor allem für Ferien in die Schweiz, und zwar immer zahlreicher: Inzwischen sind sie nach den Deutschen die zweitgrösste Besuchergruppe. Zudem geben sie am meisten Geld aus: 280 Franken pro Tag. Zurzeit scheint Switzerland kein Image-Problem zu haben.

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