Das Weltwirtschaftsforum bietet wie kein zweiter Anlass eine Bühne, auf der sich beobachten lässt, welche globalen Persönlichkeiten am Glänzen oder am Verblassen sind. Und wie in einem Theater wirkt das, was in Davos gespielt wird, bisweilen überzeichnet. Beginnen wir bei den Verblassten.

Die beiden starken Frauen des letztjährigen WEF, Angela Merkel und Theresa May, wirkten diesmal kraftlos, ja abgehalftert. Deutschlands Kanzlerin Merkel hat noch immer keine Regierung beisammen, die Verluste bei den letzten Wahlen haben ihr den Nimbus der Unbesiegbarkeit geraubt. Die im Kongresssaal versammelte Wirtschaftselite ist gnadenlos. Viele haben Merkel gar nicht mehr zugehört, als sie ihr Plädoyer gegen Abschottung hielt; die Manager investieren ihre Zeit nicht mehr in eine Person, die sie für ein Auslaufmodell halten, sondern erledigen dann lieber die E-Mails auf ihrem Handy.

Geschwächt ist auch Grossbritanniens Premierministerin May. Vor einem Jahr sprühte sie in Davos vor Energie und gewann Sympathien, als sie erklärte, warum Grossbritannien ausserhalb der EU mehr denn je prosperieren würde. Es sollte anders kommen. In der Zwischenzeit wurde gewählt, May verlor an Rückhalt – und in der Davoser Gemeinde an Glaubwürdigkeit. Ihre Strahlkraft ist weg, viele haben auch May bereits abgeschrieben.

Die dominanten Figuren waren diesmal zwei Männer, die unterschiedlicher nicht sein könnten. In Davos verkörperten sie zwei Weltbilder, zwei Ideologien, zwei Stile auch, und zwar in einer Überdeutlichkeit, die sie bisweilen wie Karikaturen aussehen liess.

Der Makellose und der Grobe

Auf der einen Seite Emmanuel Macron, der französische Präsident, eben 40 geworden, ein gut aussehender, makelloser und dauerlächelnder Mann, der federnden Schrittes die Bühne betrat und mal auf Französisch, mal auf Englisch seine Vision einer offenen und toleranten Welt kundtat, in der es keinen Steuerwettbewerb mehr gibt, dafür eine starke EU, die sich unterwegs Richtung «Vereinigte Staaten von Europa» entwickelt.

Auf der anderen Seite Donald Trump, der amerikanische Präsident, 71, aber «niemals müde», wie sein Botschafter unserem Reporter sagte, der Mann, der auch in Davos eine zu lange rote Krawatte trug, der nicht in verschachtelten Sätzen sprach wie Macron, sondern simple Botschaften absetzte: Ich bin grossartig, meine Politik ist grossartig, Amerika ist grossartig, kommt alle hierher und investiert!

Macron und Trump: Wenn etwas haften bleibt nach dieser WEF-Woche, dann die Auftritte der beiden Männer. Beim WEF-Publikum punktete Macron deutlich mehr. Auf so einen haben sie gewartet: Ein Intellektueller, der als Ex-Banker etwas von Wirtschaft versteht und so reden kann, dass man ihm über eine Stunde lang zuhört. So möchte mancher, der im Saal sitzt, selbst auftreten können. Trump hingegen war zwar braver als bei Auftritten vor weniger auserlesenen Zuhörern, aber dennoch simpel und plump.

Die ganze Welt retten

Die Schwärmerei für Macron irritiert. Mit etwas Distanz und helvetischer Nüchternheit betrachtet, kommt man zum Schluss: Hier hat einer ein gewaltiges Selbst-und Sendungsbewusstsein. Mit fast hypnotischer Eindringlichkeit forderte er nichts weniger als einen «neuen globalen Vertrag», den nicht nur Regierungen, sondern die Gesellschaft als Ganzes aushandeln müsse. Kann Macron auf dem Wasser gehen? Nach seinem offensichtlich gelungenen Start als französischer Präsident nun gleich ganz Europa, nein: die ganze Welt retten?

Diesen Anspruch hat Trump nicht, er will «nur» Amerika retten und wieder gross machen. Globalist Macron, Populist Trump – der Schluss wäre schnell gemacht, aber zu einfach. Am Ende geht es beiden um ein und dasselbe: um die Interessen ihres Landes. Das gilt auch für Macron. Er sagte: «France is back» (Frankreich ist zurück). Trump sagte: «America is back». Macron sieht die Interessen Frankreichs in einem vereinten Europa am besten gewahrt, in dem er der wichtigste Politiker ist (aber Deutschland die Rechnungen bezahlt). Trump glaubt, keine Verbündeten zu brauchen, um für Amerika das Beste herauszuholen. Zwei Wege zum selben Ziel – die beide etwas Anmassendes haben. Möglicherweise werden die Wähler die beiden starken Männer auf den Boden der Realität holen.

Und wie ist es mit den Interessen der Schweiz? Fünf Bundesräte haben mit anderen Regierungsvertretern in Davos über 60 Gespräche geführt. Was es gebracht hat, lässt sich nicht beurteilen. Nur eines ist klar: Die Bilder, welche die ganze Woche über aus dem verschneiten Davos in die Welt gesendet wurden, waren im Interesse der Schweiz – des Tourismuslandes. Nicht nur Donald Trump fand sie grossartig.