Nach einem Jahr der Fehlentscheidungen, Niederlagen und Demütigungen hätte doch noch alles gut werden können für Martin Schulz und die SPD. Ganz kurz zumindest, schien es so. Nachdem Schulz mit starkem Rückenwind in den Wahlkampf gestartet war, dann aber nach und nach an Biss verlor und bei der Bundestagswahl im September eine klare Niederlage einfuhr, kam es doch noch zu diesem einen Höhepunkt: zum Koalitionsvertrag mit der Union aus CDU und CSU. Dieser trägt nämlich die Handschrift der Genossen.

Wie die «FAZ» kürzlich feststellte, besteht die Vereinbarung über die künftige Grosse Koalition zu sage und schreibe 70 Prozent aus SPD-Inhalten. Und das, obwohl die Sozialdemokraten der wesentlich kleinere Partner in einer Koalition mit der Union wären. Das so wichtige Finanzministerium haben sich die Sozialdemokraten völlig überraschend auch noch gesichert. On top, sozusagen. Was für ein Triumph!

Typisch SPD: Selbstzerlegung statt den Erfolg auszukosten

Die Genossen hätten nun losziehen können und mit stolz geschwellter Brust in der Parteibasis für gute Stimmung sorgen. Diese braucht es nämlich, wenn der noch ausstehende Mitgliederentscheid über den Koalitionsvertrag – von dem trotz des für die SPD überragenden Ergebnisses längst nicht alle Mitglieder überzeugt sind – gewonnen werden soll. Doch statt den Erfolg auszukosten, macht die Partei, was sie seit Jahren am besten kann: sich selbst zerlegen. 

Es beginnt, einmal mehr, mit Martin Schulz. Nachdem er Merkel und Seehofer über zwei Drittel des Koalitionsvertrags in den Block diktiert und dann auch noch das Finanzressort eingesackt hatte, liess er es damit nicht gut sein. Obwohl er zuvor versprochen hatte, nicht in ein Kabinett unter Kanzlerin Merkel einzutreten, wollte er nun doch Aussenminister werden. Die SPD-Basis schäumte. Da die aber noch den Koalitionsvertrag absegnen soll, drängte die Parteispitze Schulz zum Worthalten.

Schulz gab nach – und verzichtete. In der aufgeheizten Stimmung holt die SPD nun auch einen Entscheid ein, der im Trubel um Schulz zunächst in den Hintergrund rückte. Denn vor seinem endgültigen Abgang trat der glücklose SPD-Chef noch in ein allerletztes Fettnäpfchen. Schulz gab nämlich seinen Posten als Parteichef nicht nur auf. Er gab ihn weiter. An Andrea Nahles. Spitzenpolitiker aus der SPD drängten auf eine rasche Amtsübergabe: Nahles sollte, obwohl sie keine Stellvertreterin des Parteichefs war, so schnell wie möglich als kommissarische Chefin eingesetzt werden, bis ein Parteitag den Entscheid absegnet.

Sollen sich die Mitglieder eine Chefin vor die Nase setzen lassen?

Ein folgenschwerer Fehler. Nicht, weil Nahles in der Partei unbeliebt wäre. Die Meisten in der SPD halten die 47-jährige Rheinland-Pfälzerin für die richtige Person an der Parteispitze. Sie wäre, ganz nebenbei, die erste Frau in der 154-jährigen Geschichte der SPD auf dem Chefsessel.

Grosse Teile der Partei stören sich aber an der Art und Weise, wie der Übergang von Schulz zu Nahles geregelt werden sollte. Die SPD, die seit Wochen stolz ist auf ihren Entscheid, jedes einzelne Parteimitglied über den Koalitionsvertrag abstimmen zu lassen, soll sich nun eine Chefin vor die Nase setzen lassen? Klar, sind da einige sauer.

Dabei lag die elegante Lösung für Schulz doch auf der Hand: Warum nicht einfach den eigenen Abgang verkünden und den Entscheid über den/die Nachfolger/in der Basis überlassen? Das Ergebnis wäre das gleiche gewesen: Natürlich wäre schnell klar geworden, dass die Parteimitglieder Andrea Nahles wollen. 

Am Dienstagabend nun verkündete Martin Schulz seinen sofortigen Rückzug. Zudem versuchte die Parteispitze, ihren Fehler auszubügeln – und schlug einen der stellvertretenden Parteivorsitzenden, nämlich Olaf Scholz, als kommissarischen Chef vor. Eine späte Einsicht. 

Was unter dem Strich von dieser Posse ums SPD-Personal bleibt: Andrea Nahles wird wohl, wie geplant, Parteichefin. Doch die Hoffnungsträgerin der Sozialdemokratie startet beschädigt in ihr Amt. Schulz hätte sie vor dem Sturm, der in der SPD wütet, schützen können. Er hätte mit seinem Abgang und dem von Sigmar Gabriel, der wohl bald folgen dürfte, die schlechte Stimmung mit in Pension nehmen können. Und Andrea Nahles, dann von den SPD-Mitgliedern zur Parteichefin gewählt, strahlen lassen. Aber so funktioniert die deutsche SPD einfach nicht.