Tröstlich, dass bestimmte Debatten ablaufen wie die Jahreszeiten. Sie kommen und gehen und bleiben stets dieselben. Aktuell wieder einmal der Streit über Sommerzeit und Winterzeit. Das Thema ist durchgereicht, mir bleibt nur, den denkbar entlegendsten Link zu strapazieren: meine Erinnerung an eine Ausstellung «Revolutionsuhren»; für die ist typisch, dass sie zehn Stunden anzeigen, nicht zwölf. Für die aktuelle Debatte bleibt es bedeutungslos. Die Sache dahinter betrifft es schon: Wer schlägt den Takt der Zeit? Die Natur? Götter? Oder – in Zeiten der Industrialisierung – die Maschine? Am Ende – in Phasen dominanter Börse – Quartalsbilanzen? Das Paradox: In «Modern Times» gerät der Mensch (nicht nur Chaplin) unter die Räder des Tempos, das er selber anschlug.

Damit wollte die Französische Revolution ein Ende machen. Nie mehr sollte der Mensch nach dem Taktstock anderer leben. Zu dem Zweck forcierte sie – nebst der Guillotine – den neuen Stundenschlag: Den Takt der Zeit wollte sie selber bestimmen – nicht Herkunft, nicht Natur, schon gar nicht Kirche und Monarchie. So verwarf sie mit der Tradition das bisherige Uhrwerk, bündelte die Zeit neu im Zehnertakt: zum Zeichen, dass von nun an «die Vernunft» die Stunde schlage. Geschichtlich scheiterte das Projekt am weltfremden Rigorismus. Revolution schlug um in Diktatur, Freiheit in Terror – und der neue Stundenschlag in Zeitkommando.

Konkret: Am 14. Juli 1789 stürmten die Revolutionäre die Bastille. Am 15. Juli kündeten sie «L’an I de la liberté». Die Jahre zuvor zählten nicht mehr, die waren jetzt prähistorisch, Zeiten der Knechtschaft. Darum entschied der Nationalkonvent am 5. Oktober 1793, auch Tage, Wochen, Monate neu zu zählen. Im Prinzip in Dezimalzeit. Der Tag zu 10 Stunden à 100 Sekunden. Die Woche («Dekade») zu 10 Tagen (durchgezählt von «Primidi», «Duodi», «Tridi» bis zum Ruhetag «Decadi»). Die Monate à drei Dekaden, erst nummeriert (premier, second …), später saisonal benannt, zum Beispiel «Vendémiaire» (Weinlese, 22. September bis 21. Oktober) oder «Brumaire» (Nebel, 22. Oktober bis 20. November). Die sechs Übergangstage ersetzten die christlichen Festtage: «Tag der Tugend», «Tag des Geistes», «Tag der Arbeit», «Tag der Meinung», «Tag der Belohnung», «Tag der Revolution». Die Botschaft hiess: Schluss mit dem alten Zwölferschlendrian. Zehner-Reihen statt Zwölfer-Rhythmen. Der Dekadenkult, eine Kopfgeburt.

Revolutionäre gehen gern mit dem Kopf durch die Wand, verwandeln frühere Ohnmachtsfrustrationen in Allmachtsfantasien. Das schaffen manche am einfachsten mit Liebe zur Arithmetik. Je abstrakter die Welt, umso rücksichtsloser das Handeln. Die verordnete Dezimalzeit teilt Tage, Wochen, Monate rigider, macht die Agenda griffiger. Die Zwölf ist vieldeutiger, poetischer, mehrfach teilbar, Quersumme 3, eine heilige Zahl. Dagegen die Zehn: erratisch, lässt kaum mit sich reden, wirkt prosaisch, härter im Takt, Quersumme 1, nichtssagend, nahe am digitalen Zweitakt 1 – 0. Kurz: Als Herrschafts- und Kontrollzahl taugt Zehn klar besser.

Oder ist die Zehn gar nicht so abstrakt aus dem Kopf gegriffen? Immerhin hat der Mensch zehn Finger, nicht zwölf, wie gemacht zum Zählen. Doch was er in die Finger kriegt, das hat er im Griff und unter Kontrolle. Noch die Zeit? Lebt im revolutionären Dezimalkult der Wahn, die Zeit, die grosse Unverfügbare, auf Menschenmass zu zwingen?

Über Jahrtausende gehörte die Zeit den Göttern. Chronos war bei den Griechen der älteste Gott. Der Widerstand gegen Zeitmessung wehrte sich stets gegen eine entgöttlichte, entzauberte Welt. Exemplarisch die Klage des römischen Komödiendichters Plautus: «Die Götter sollen den zugrunde richten, der als erster die Stunden erfunden und als erster eine Sonnenuhr aufgestellt hat. Der hat mir armem Kerl den Tag in kleine Stücke zerhackt.» Die Kritik zielte auf die Quantifizierung, die Zerstückelung der Lebenszeit. Sauer stiess den Römern schon auf, dass ihre Astronomen Tag und Nacht in einen Zeitabschnitt warfen. Sie lehnten den 24-Stunden-Rhythmus (Äquinoktialstunden) ab, sie wollten die Stunden unterschiedlich gefüllt und gedehnt (Temporalstunden): im Sommer länger (maximal 75 Minuten), im Winter kürzer (minimal 45 Minuten). Sie wollten die Zeit elastisch, dem Biorhythmus folgend, im Sommer länger arbeiten, reisen, Krieg führen, im Winter zu Hause bleiben.

Fast wie wir heute.