Persönlich

Schmerzbrief

E-Bike

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Liebe unbekannte E-Bike-Fahrerin

Ich weiss, tief in deinem Innern bist du ein guter Mensch. Nicht nur für die kleine Welt in deinem Einfamilienhaus, auch für die grosse da draussen setzt du dich ein: Du lässt das Auto stehen und nimmst stattdessen dein neues E-Bike. Das hat dir dein Ehemann zum Geburtstag geschenkt und du hast dich gefreut, natürlich, endlich mal was anderes als diese verfluchten Massagegutscheine. Dein erstes Mal mit dem Flitzer wirst du nie vergessen: Es war ein heisser Tag, du hättest lieber den klimatisierten Familienwagen genommen, aber dein Mann sass mit seiner aufdringlich freundlichen Miene am Küchentisch und fragte unschuldig: «Wie fährt sich das Bike?» Er sagte tatsächlich Bike. Du sagtest, das wüsstest du noch nicht, aber du würdest es gleich ausprobieren. Du liefst in die Garage, schobst das sperrige Ding hinaus, setztest dich drauf und – warst wie neu geboren. Du tratst in die Pedale, Wind im Gesicht, Kraft im Motor, Jauchzer im Hals! Du warst unschlagbar! Schnell wie der Blitz! Sogar die junge Frau auf dem schnittigen roten Velo überholtest du im Nu!

Fast war dir, als hättest du den Stoff ihres Kleides an deinem Arm gespürt, aber das war sicher nur Einbildung. Du warst frei, du warst lebendig, du warst wieder du!

Und die Frau auf dem roten Stadtflitzer war ich. Nachdem du in wahnsinnigem Tempo an mir vorbeigerast bist, fuhr ich ins Trottoir und fiel auf meinen Unterarm. Es tat ziemlich weh. Noch mehr weh aber tut mir, dass du offensichtlich keine Ahnung hast, wie man ein Fahrrad fährt. Und ein E-Bike ist ein irrsinnig schnelles Fahrrad, das man nur benutzen sollte, wenn man entsprechend Acht gibt, auf – genau, die grosse Welt da draussen. Das wünsche ich mir in Zukunft für dich. Und für mich.

naomi.gregoris@azmedien.ch

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