Bergsturz Bondo

Schatten der Vergangenheit

Eine Schneise der Verwüstung zieht sich durchs Tal: Doch wie man sieht, ist das Dorf Bondo noch glimpflich davongekommen.Giancarlo Cattaneo/Keystone

Eine Schneise der Verwüstung zieht sich durchs Tal: Doch wie man sieht, ist das Dorf Bondo noch glimpflich davongekommen.Giancarlo Cattaneo/Keystone

Die Schweizer sind Profis im Umgang mit Naturgefahren. Selbst im Ausland ist ihre Expertise gefragt: Instabile Hänge und Felspartien werden von Satelliten ständig überwacht, ausgeklügelte Alarmsysteme sorgen dafür, dass im Ernstfall jeder weiss, was er zu tun hat. Und jährlich werden Hunderte von Millionen Franken in den Hochwasser- und Lawinenschutz investiert.

Die Risiken lassen sich dadurch zwar minimieren. Die Sünden der Vergangenheit werden so aber nicht rückgängig gemacht. Vor allem in den Sechziger- und Siebzigerjahren wurde allzu sorglos nahe an Bäche und an instabile Hänge gebaut. Einfach, weil sich während längerer Zeit keine Katastrophe ereignet hatte. Katastrophenlücke nennt sich das in der Wissenschaft. Schätzungen zufolge leben heute bis zu 20 000 Menschen in gefährdetem Gebiet.

Die Erderwärmung sorgt nun aber dafür, dass sich die Gefahren häufen: Einst stabile Hänge rutschen ab oder der tauende Permafrost macht Felsen brüchig – wie im Bergell am Piz Cengalo. Der passionierte Alpinist erkennt das daran, dass beliebte Wanderrouten gesperrt oder unpassierbar geworden sind. Der Schutz vor Naturgefahren wird in der dicht und dezentral besiedelten Schweiz künftig noch teurer und aufwendiger.

Es stellt sich die Frage, welches Restrisiko wir zu tragen bereit sind und wie viel wir investie- ren wollen, um Betroffene vor Steinschlägen und Murgängen zu schützen, obschon sie in ungeeignetem Gebiet wohnen. Wir müssen uns wohl oder übel daran gewöhnen, nicht mehr überall leben zu können. Umsiedlungsaktionen sind für den Einzelnen zwar hart, können aber unabdingbar werden.

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