Zum ersten Mal seit zwei Jahren sehe ich Ellen* lächeln. Strahlen schon fast. «Du glaubst es nicht, aber ich hab ein Haus gekauft!»

«Ein Haus?» Ich kenne die alleinerziehende Mutter und Kleinstunternehmerin nur auf der Armutsgrenze seiltanzend, mit einem Fuss immer im Abgrund. Sie lebt zur Miete in einer der teuersten Städte Amerikas, wo die Kündigungsfrist zwei Wochen beträgt. Eine prekäre Situation.

«Weisst du noch, wie ich immer zu Sam* sagte, das ist mein Haus, das hier weggeht, verstehst du das? Jedes Mal, wenn ich einen Check für die teuere Privatschule ausstellte . . .»

Sam ist Ellens Sohn, ihr einziges Kind. Im selben Alter wie mein jüngerer Sohn, wir lernten uns kennen, als die Jungs etwa fünf waren. Doch wie es manchmal so kommt, verstanden sich die Mütter besser als die Kinder, und so sahen wir uns nicht sehr häufig. Ich erinnere mich noch, wie mein Sohn versuchte, Sam in ein Spiel zu verwickeln. Doch der ernsthafte kleine Junge blieb stumm, deutete nur immer wieder auf den orangefarbenen Verkehrskegel, den er auf dem Kopf trug. «Oh, das ist sein alone-cone», erklärte Ellen. «Das bedeutet, dass er mit niemandem reden will, sorry!»

Das städtische Schulsystem hatte ihn als einzigen weissen Jungen in eine Schule in Chinatown eingeteilt, am anderen Ende der Stadt. Schweren Herzens entschied Ellen sich, Sam in eine Privatschule zu schicken. Sie musste einen Kredit aufnehmen, es war nicht einfach. «Ich hätte ein Haus kaufen können . . .» Doch Sam entwickelte sich zu einem hochbegabten, kreativen, versponnenen und trotzdem beliebten jungen Mann. Der manchmal noch als Teenager seinen alone-cone trug. Er studierte, er zeichnete, er schrieb, er spielte in einer Band.

Vor zwei Jahren trat er in einem Lagerhaus in Oakland auf, das eine bekannte Künstlerkommune beherbergte.

Das Lagerhaus ging in Flammen auf.

Ellen hörte es im Radio. Zufällig, denn zu dieser Zeit ist sie normalerweise im Bett. Sie setzte sich ins Auto und fuhr hin, mitten in der Nacht. Zusammen mit anderen Eltern und der Feuerwehr schaute sie hilflos zu, wie das ganze Gebäude niederbrannte. Wie ihr Sohn verbrannte. Zusammen mit 35 anderen jungen Leuten.

Wie überlebt man so etwas?

Ich weiss es nicht.

Ich weiss nur, dass sie jetzt, nach zwei Jahren, zum ersten Mal Sams Namen ausspricht. Und lächelt dabei.

«Ich hab ja vom Roten Kreuz etwas Geld bekommen», erzählt sie. «Und ich dachte, vielleicht kann ich irgendwo ein Haus kaufen, ausserhalb von San Francisco, vielleicht reicht es ja für eine Anzahlung.» Doch die wahnwitzigen Immobilienpreise gelten auch in Pendlerdistanz. Und Ellen kann ihr Geschäft nicht verpflanzen. Ein halbes Jahr lang fuhr sie jedes Wochenende zu Dutzenden von Besichtigungsterminen, nur um jedes Mal überboten zu werden.

Doch dann, am zweiten Dezember, am zweiten Todestag ihres Sohnes, sieht sie ein Haus ausgeschrieben, in Sebastopol, einer kleinen Stadt im Weingebiet, die sie von Wochenendausflügen kennt und mag. Und in der die Preise ihr Budget übersteigen. Normalerweise. Doch hier stimmt der Preis – vermutlich stimmt etwas mit dem Haus nicht, denkt Ellen. «Aber ich wollte nicht wieder den ganzen Tag heulend im Bett verbringen.»

Besichtigung zwischen zwei und vier Uhr, steht da. Sie macht sich frühzeitig auf den Weg. Doch als sie bei der angegeben Adresse ankommt, ist da niemand. Kein Schild, «keine Ballone, normalerweise hängen da Ballone, und der Immobilienmakler bietet Plätzchen an!» Normalerweise sind da auch Dutzende von Interessenten, die sich durch die Räume drängen. Ellen steigt aus, schaut sich um, das Haus gefällt ihr. Es sieht aus wie ein Haus, das ein Kind gezeichnet hat. Sam. Immer wieder verlangsamen vorbeifahrende Autos, Köpfe verrenken sich aus den Fenstern. Aber niemand hält an.

Es wird halb drei, es wird halb vier. Um Viertel nach vier endlich fährt eine vollkommen aufgelöste Immobilienmaklerin vor. Als sie das Haus verlassen wollte, fingen ihre dreijährigen Zwillinge wie auf Kommando an, sich zu erbrechen, und die Babysitterin ergriff die Flucht. Als sie endlich losfahren konnte, geriet sie auf der ruhigen Landstrasse in einen Stau.

«So etwas habe ich noch nie erlebt. Es war wie verhext!», sagt sie immer wieder.

Ellen lächelt. «Kann ich das Haus sehen?»

Es ist perfekt. Sie spürt es, als sie zur Tür hereinkommt. Das ist mein Haus, denkt sie. Sie macht ein Angebot, das einzige an diesem Tag, und es wird angenommen.

Und sie meint, Sams Stimme zu hören: «Ich habs dir doch gesagt.»

* Die richtigen Namen werden nicht genannt, weil der Prozess um den Lagerhausbrand eine Instanz weitergezogen wurde und noch läuft.