Die Aargauer Ammännervereinigung fordert massiv mehr Lohn für Gemeindebehörden, wie die az am Montag publik machte. Ein Beispiel: Der Ammann einer Gemeinde mit 3000 Einwohnern wendet für sein Amt heute so viel Zeit auf, als wäre es eine 50-Prozent-Stelle. Hochgerechnet auf ein Vollzeitpensum bekommt er dafür im kantonalen Schnitt 84 000 Franken pro Jahr. Neu sollen es 160 000 sein – also fast doppelt so viel. Die Idee ist in Zeiten von Finanznot mehr als kühn. Und der Sprung irritiert, kommt es doch in der Wirtschaft nie vor, dass jemand plötzlich für dieselbe Leistung den doppelten Lohn erhält. Wer meint, das Milizsystem liesse sich mit Geld retten, irrt. Trotzdem ist die Debatte dringend und die Stossrichtung richtig. Warum?

Unser Staatswesen basiert auf dem Milizsystem. Dieses sieht vor, dass fähige Bürgerinnen und Bürger neben- oder ehrenamtlich öffentliche Aufgaben übernehmen. Landesweit gibt es allein bei Gemeinden, Schulen und Kirchen rund 100 000 Milizämter. Das System hat sich bewährt: So sind Menschen am Ruder, die aus der Mitte des Volkes stammen und nicht aus einem elitären Politzirkel. Und weil sie alles nebenbei machen, bleibt der Staat schlank – Milizpolitiker haben keine Zeit für Firlefanz.

Leider wird es zunehmend schwierig, Bürger für diese Ämter zu gewinnen. Oft stellt sich nur eine einzige Person zur Verfügung, was die Demokratie zur Farce macht. Es häufen sich auch Klagen über unterqualifiziertes Personal – aber was soll man tun, wenn die Auswahl fehlt? In der 450-Seelen-Gemeinde Hemishofen SH fand sich überhaupt niemand, der den freien Sitz im Gemeinderat übernehmen wollte – eine Findungskommission hat alle (!) angefragt, die überhaupt infrage gekommen wären. Und Leibstadt suchte fast ein Jahr lang, bis doch noch ein Gemeindeammann gefunden wurde.

Früher eine Ehre, heute eine Belastung

Früher war es eine Ehre und prestigeträchtig, dem Gemeinderat anzugehören. Heute aber fragen sich viele, warum sie sich das antun sollen. Lorbeeren gibt es keine zu holen, Ärger hingegen hat man mit Garantie. Das Amt ist zeitaufwendiger geworden, unter anderem wegen der immer umfangreicheren Gesetze, die vom Kanton her die Gemeinden belasten.

Gleichzeitig ist die berufliche Belastung in fast allen Branchen gestiegen. Die Menschen sind mobiler, wohnen mal hier und mal dort, sodass die Verbundenheit mit der Wohngemeinde abnimmt. Und nicht zuletzt sind die Freizeitmöglichkeiten ins Unermessliche gestiegen. Vieles scheint da attraktiver, als viele Abende lang in Gemeinderatssitzungen und mit Aktenstudium zu verbringen. Ja, die Zeiten der dreigliedrigen Karrieren sind vorbei, als sich der Mann parallel in Wirtschaft, Politik und Armee engagierte und sich die Frau daheim hingebungsvoll um die Familie kümmerte.

Die Armee hat es vorgemacht: Guter Lohn für gute Leistung

Es wäre illusorisch zu meinen, mehr Geld für Gemeinderäte würde die gesellschaftliche Entwicklung rückgängig und das Milizamt wieder attraktiv machen. Trotzdem ist es richtig, das Tabuthema Politikerlöhne anzugehen. Schlicht und einfach deshalb, weil gute Leistung auch anständig entlöhnt werden sollte. Als Vorbild könnte die Armee dienen. Bis Ende der 1990er-Jahre bekam ein angehender Leutnant während der Beförderungsdienste knapp 2000 Franken pro Monat, Erwerbsersatz und Sold zusammengezählt. Heute sind es rund 3600 Franken. Macht deswegen jemand die Strapazen einer Offiziersschule durch, verzichtet während Monaten von Sonntagabend bis Samstagmorgen auf Privatsphäre, engagiert sich während mehr als eines Jahres für sein Land? Nein – aber trotzdem ist es richtig, dass ausserordentlicher Einsatz anständig entlöhnt wird. Unser Land kann, ja muss sich das leisten.

Dasselbe gilt für die Gemeindebehörden, auch wenn die Vorschläge der Vereinigung übers Ziel hinausschiessen – schliesslich soll Gemeinderat ein Milizamt bleiben und nicht zu einem Beruf werden. Ein Vorbild könnte zum Beispiel Gränichen sein: Vor jeder Amtsperiode wird die Entschädigung mit dem Aufwand verglichen und gegebenenfalls leicht erhöht.

Handlungsbedarf besteht nicht nur bei den Miliz-, sondern punktuell auch bei den Berufspolitikern – jedoch in die andere Richtung: Unabhängig von der Person des aktuellen Amtsinhabers gibt es keinen Grund, warum ein Stadtammann von Baden 270 000 Franken pro Jahr verdienen soll. In der Wirtschaft käme er niemals auf einen solch hohen Lohn, und Risiko trägt er auch keines.

Bei allen berechtigten Geldforderungen darf man nicht vergessen: Wichtiger ist die Wertschätzung. Doch heute wird ein Gemeinderat öfter von einem wütenden Bürger beschimpft oder mit Hassmails eingedeckt, als dass er gelobt würde. Hier können wir alle ansetzen: Sagen Sie Ihrem Gemeindeammann doch einfach mal danke. Danke für das, was er für Sie leistet.