Thomas N. geniesst die Yoga-Stunden im Gefängnis Pöschwies, hat Zukunftspläne als selbstständiger Unternehmer und schafft es nicht, sich bei den Angehörigen seiner Opfer zu entschuldigen: Der kalte und selbstsichere Eindruck, den der Angeklagte im Fall Rupperswil nach dem ersten Prozesstag bei vielen Beobachtern ausserhalb des Gerichtssaals hinterlassen hat, lässt die Emotionen hochkommen. Ein Selbstdarsteller sei er, fluchen manche. In den Medien komme er viel zu menschlich rüber, klagen andere. Ein Leser legt in seiner Zuschrift dar, was er mit dem Vierfachmörder machen würde, wenn er ihm in die Finger käme. Von «glühenden Zangen» ist in seinem Mail die Rede, von medizinischen Versuchen und Gastauftritten als Zürcher Böögg.

Dass wir nicht nur mit Unverständnis, sondern auch mit Hass und Wut auf diesen Täter reagieren, ist verständlich. Letztlich aber verlaufen unsere Wutanfälle und Hasstiraden im Nichts. Am Schluss bleibt immer nur ein «schon wahnsinnig», ein «einfach unglaublich» oder vielleicht gar nur ein Kopfschütteln.

Gefährlich werden unsere Gefühle dann, wenn sie sich nicht gegen Thomas N., sondern gegen die angeblich zu verständnisvollen Gutachter oder die angeblich zu weiche Justiz richten. Und das kann schnell passieren, wenn man den Prozess auf den Online-Tickern, in den Zeitungsartikeln und Live-Schaltungen mitverfolgt. Dass die Justiz sich nicht von den emotionalen Wogen erfassen lässt, sondern mit kühlem Blick mittendrin steht, sollte uns aber nicht wütend machen. Es sollte uns beruhigen.

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