Die «NZZ» nannte es einen Skandal. Der «Tages-Anzeiger» steigerte sich von einem anfänglichen «bedauerlich» in ein mächtiges Crescendo und warf der Jury zuletzt Nachwuchsförderung, Originalitätshascherei und die Vorliebe für Institutsliteratur vor. In einem seltsam anmutenden Schulterschluss zitierte der Grosskritiker von Tamedia gar seinen Konkurrenten von der «NZZ». Beide empörten sich, dass die Jury den Roman «Heimkehr» von Thomas Hürlimann nicht berücksichtigt hatte. «Dem Schweizer Buchpreis tut diese Shortlist nicht gut», so Martin Ebel von Tamedia, «Es disqualifiziert sie in ihrer Arbeit», so zuvor Roman Bucheli von der «NZZ».

Hürlimanns «Heimkehr» ist zweifellos ein wichtiges Buch. Ein Buch, dessen kultur- und geistesgeschichtliche Referenzen noch Generationen von Germanisten beschäftigen werden. Ein Buch auch, für das sein Autor sicher vom Bundesamt für Kultur einen der Schweizer Literaturpreise erhalten wird, vielleicht gar den Grand Prix fürs Lebenswerk. Und auch für den nächsten Solothurner Literaturpreis wird ein Preisträger gefunden werden müssen. Dennoch kann man sich fragen: Ist «Heimkehr» nicht ein Männerbuch? Macht es nicht etwas reduzierte, aus der Zeit gefallene weibliche Identifikationsangebote (Hure, Geliebte, Mutter)? Überrollt es den Leser nicht mit seinen 528 Seiten und geht ihm nicht mit der Zeit die anfängliche Musikalität und ironische Leichtigkeit verloren?

Aber vielleicht sind das die falschen Fragen. Vielleicht müsste man den Blick eher auf die beiden Kritiker richten. Und auf die Jury. Da fällt auf, dass diese seit der ersten Austragung des Preises 2008 immer weiblicher geworden ist. Dieses Jahr sind erstmals vier der fünf Jurymitglieder Frauen. Und Frauen werten anders, Männer auch. Eine gross angelegte wissenschaftliche Langzeitstudie an der Universität Innsbruck hat jüngst bestätigt: Frauen sind in ihren Wertungen offener, sie achten weniger auf Renommee und prestigeträchtige Namen, sie berücksichtigen stärker Debüts. Neu ist diese Erkenntnis nicht.

Diese fünf Autoren sind für den Schweizer Buchpreis nominiert:

Dieselbe Studie untersucht auch die Kritiker in den Redaktionen. Kaum erstaunlich sind Frauen mit 25 bis 30 Prozent deutlich untervertreten, während Frauen bei der Zahl der Leserinnen von Literatur mit gegen 80 Prozent deutlich übervertreten sind. In Sachen Untervertretung von Kritikerinnen stach der «Tages-Anzeiger» besonders unrühmlich hervor. Das erstaunt kaum: Tamedia-Ebel rollt sein Wort aus einer eigentlichen Männerbastion heraus übers Land. In der 14-köpfigen Kulturredaktion von Tamedia gibt es gerade mal zwei Frauen bei zwölf Männern (Stand Mai), die Frauen Teilzeit, versteht sich. Wie sagte Ebel noch? «Wenn man die letzten Jahre betrachtet, drängt sich der Eindruck auf, die Jurys wollten unbedingt das Bekannte vermeiden.» Genau, die ersten drei Jahre war er beim Schweizer Buchpreis mit dabei, da war die Welt noch in Ordnung.

Wie auch immer. Die Diskreditierungsversuche dürften kaum Erfolg haben, im Gegenteil. Das scharfe Geschütz gegen den Schweizer Buchpreis beweist einzig dessen Strahlkraft. Man möge sich an den Sturm im Wasserglas erinnern, der letztes Jahr nach der Feier zum 10-Jahr-Jubiläum, von Lukas Bärfuss’ zweitem Wutessay befeuert, durch die Schweizer Literaturlandschaft tobte. Mittlerweile gibt sich der Autorenverband AdS versöhnlich. Man anerkenne die Bedeutung und Stärke des Preises und wolle diesen keinesfalls schwächen. Einige primär kosmetische Anpassungen wurden gemacht. Der Preis orientiert sich an literarischer Qualität und am Markt. Kein anderer Preis erreicht dieselbe Aufmerksamkeit für Literatur.

Die diesjährige Shortlist mit Heinz Helle, Gianna Molinari, Vincenzo Todisco, Peter Stamm und Julia von Lucadou erweist sich dabei als gute Wahl. Jedes der fünf nominierten Bücher befasst sich auf je eigene Art mit drängenden Fragen der Gegenwart und findet literarisch überzeugende Antworten. Die Wahl des Gewinners dürfte schwerfallen. Peter Stamm steht zum dritten Mal auf der Shortlist. «Es wäre ihm nicht zu verdenken, wenn er sich den anstehenden Gruppenlesungen und dem Preisverleihungsprozedere entzöge», so der Ebelsche Richtspruch von der Kanzel.

Ein solcher autoritärer Duktus scheint Peter Stamm fremd. Ob es nicht etwas seltsam sei, wenn wir sein Buch aus den fünf Nominationen herauspicken würden, schrieb er auf unsere Anfrage nach dem Werkstattbericht, der im «Wochenende»-Bund dieser Ausgabe erscheint. Allein für diese Haltung hätte er einen Preis verdient. Nicht den Schweizer Buchpreis, wobei, diesen müsste er … – allerdings ist da noch Heinz Helle mit seinem kühnen und zugleich zärtlichen sprachmächtigen Roman. Und … Doch halt – wir überlassen unserem Publikum das Wort: Bis zur Preisverleihung morgen Sonntag kann man bei uns online für den eigenen Favoriten stimmen. Wie sagte doch die Schriftstellerin Julia Weber jüngst in ihrer wunderbaren Eröffnungsrede zum Literaturfestival «Zürich liest»? «Ich will die Literatur aus dem Elfenbeinturm befreien.» Na dann.

anne-sophie.scholl@schweizamwochenende.ch