Mail aus Amerika (1)

Roter Pass – reicher Mann

Bei der Bank of America ging die Kontoeröffnung schnell.

Bei der Bank of America ging die Kontoeröffnung schnell.

Der «Schweiz am Wochenende»-Chefredaktor Patrik Müller hält sich zurzeit für eine Weiterbildung in Boston auf. In seinem Mail aus Amerika schreibt er heute über den Börsencrash und die Einfachheit, als Schweizer ein Bankkonto zu eröffnen.

Breaking news erfährt man heutzutage meist nicht von Mitmenschen, sondern vom Smartphone. Doch dass es am Montag an der US-Börse zu einem Mini-Crash gekommen war, hörte ich erstmals von dem Immigrations-Beamten, der mich am Flughafen von Boston um die Fingerabdrücke bat und nach meinem Beruf fragte. Journalist – diese Antwort machte ihn nicht misstrauisch, sondern gesprächig. Der Beamte erzählte vom Taucher des Dow Jones, der just dann begonnen hatte, als ich in Zürich ins Flugzeug eingestiegen war.

1100 Punkte Minus – so viel wie noch nie an einem einzigen Tag. Rekord! Grosse Aufregung auf allen TV-Kanälen, von CNN bis Fox. Die Börse interessiert hier, jeder vierte Amerikaner hält Aktien. Allerdings sind 1100 Punkte gar nicht so krass, sie entsprechen nur 4,6 Prozent, weil der Dow Jones mittlerweile derart hoch notiert. Doch das war am TV zunächst kein Thema, die USA sind nicht das Land der Relativierungen. An exakt 99 anderen Tagen habe der Dow Jones schon höhere Verluste verzeichnet als am Montag, stand dann zwei Tage später im «Boston Globe».

Donald Trump feierte in den vergangenen Wochen jedes Börsen-Hoch als sein persönliches Verdienst. Am Montag aber blieb sein Twitter-Konto stumm. Auch die Schweiz habe er reicher gemacht, hatte Trump in Davos gesagt, weil viele Schweizer US-Aktien besitzen würden. Mag sein, doch reicher hat uns Trump vor allem durch seine Defizitwirtschaft gemacht, denn die schwächt den US-Dollar: Die Kaufkraft der Eidgenossen in den USA ist um etwa 6 Prozent gestiegen, Reisen und Einkaufen sind billiger geworden.

Apropos reich: Ein US-Bankkonto inklusive Kreditkarte zu eröffnen, ist als Schweizer eine simple Sache. Umgekehrt haben Amerikaner in der Schweiz seit der UBS-Steueraffäre kaum mehr eine Chance, bei einer Bank unterzukommen. Von dem Moment an, als ich dem Bankbeamten, der sich als Jerry vorstellte, meinen Pass zeigte, hellte sich sein Gesicht auf, er verschärfte sein Arbeitstempo und füllte eilfertig die Formulare aus. Fragen zu Einkommens-, Vermögens- oder familiärer Situation übersprang er. Nur eine kleine Sicherheitsmassnahme erlaubte sich Jerry: Eine Kopie meines Passes legte er sorgfältig in einem Mäppchen ab. Dann überreichte er mir die Kreditkarte, so rot wie der Pass, wie er feststellte, und sagte feierlich: «Welcome to the Bank of America».

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