Geld und Arbeit

Roboter geben krass zu tun

Die neue 50er-Note.

Die neue 50er-Note.

Ludwig Hasler über die neue 50er-Note und den Geist des Gratiseinkommens.

Die neue 50er-Note wirkt ganz so, als existierte das bedingungslose Grundeinkommen bereits. Der angeblich typische Schweizer hängt am Gleitschirm irgendwo über den immensen Gesteinsmonstern der Alpen, während die ideale Schweizerin nur als Hand ins Bild gerät, als zarte Hand um den Stängel eines Löwenzahns, dessen Samen in alle Winde fliegen. Irr. Abheben in die Schwerelosigkeit plus Poesie am Blumenstängel – zwei helvetische Spezialitäten in Zeiten globaler Turbulenzen, nationaler Identitätskonvulsionen? Sind wir – als Einzige weltweit – am Ende der Geschichte angekommen? Pensionäre der Weltgeschichte? Zurück im Paradies, mit Pusteblume und Erlebnissurfen?

Oder trieb da jemand seinen Spass mit Leuten von der Nationalbank, die Kitsch leicht mit Substanz verwechseln, weil sie sich nur mit Quantitäten auskennen? Kurios jedenfalls, wie ungerührt die Gestalter der Note betonen, sie hätten ausführlich nachgedacht über das, was die Schweiz von morgen ausmache, und dabei seien sie auf die handelnde Hand gekommen. Genial, Glückwunsch! Warum lassen sie diese Hand dann nur an Löwenzahn und Gleitschirm? Was gibt es gross zu handeln?

Dass die Hand für die Schweiz entscheidend war und ist, bestreitet niemand. Weil uns der Schöpfergott ein fabelhaftes Panorama hinbastelte, aber nichts darunter versteckte, kein Öl, kein Zink, nichts, lernten wir früh, uns selber zu helfen, alles selber an die Hand zu nehmen, es möglichst im Griff zu behalten, als Bauer, als Jäger, als Köchin, als Krieger. Am Morgarten, bei Sempach langten die Innerschweizer brutal zu, die Ostschweizer stickten weltmeisterlich, Aargauer und Zürcher Ingenieure bauten überlegene Maschinen und Motoren, Tessiner schufen Weltklasse-Architektur, in Basel mischten sie Chemikalien bis an die Weltspitze, am Lac Léman erfinden sie Medical Food und Life Sciences. Alles nur halb so abgekartet, doch so erfolgreich, dass wir heute sagenhaft reich, erstaunlich selbstständig sind. Die Schweiz, der Hände Werk, ja ja.

Die Schweizer dito. Was macht St. Gallerinnen anders als Baslerinnen? Das jahrhundertelange Sticken, denke ich. Die akkuraten, schnellen, sicheren, doch immer auch kreativen Bewegungen der Hand. Mein Grossvater war Stickermeister im Toggenburg. Der Mann als Stickermeister, den muss man erlebt haben, sonst weiss man nicht, wie das, was die Hand tut, den Menschen macht. Der Mensch bildet sich am Werk, an der Arbeit. Händler tun nicht nur was anderes als Chemiker, sie sind andere Typen.

Jetzt also die Pusteblume. An ihr hat die Hand nichts verloren, es gibt nicht das Geringste zu tun. Spukt da der Geist des bedingungslosen Einkommens? Sein Orakel lautet ja: Für die Hand gebe es künftig eh nichts mehr zu tun. An ihre Stelle treten Maschinen, Roboter, Apps etc. Das Internet der Dinge schliesst sich, Digitalisierung wird lückenlos, der Mensch setze sich hin oder gehe in die Luft.

Was sagt die einschlägige Oxford-Studie? 47 Prozent aller bisherigen beruflichen Tätigkeiten werden demnächst Roboter verrichten. Plausibel. Doch was spricht für die Annahme, alles rundum werde beim Alten bleiben? Neue Techniken wollen erzeugt, entwickelt, angewendet werden, sie verlangen neue Information, Beratung; neue Infrastrukturen müssen installiert, gewartet, erneuert werden; um sie herum entstehen neue Biotope mit Würstchenbuden, Bierhallen, mit Putzen und Gartenarbeit, massenhaft Kultur. Auch brauchen Roboter dauernd neue schlaue Einsätze, so unermüdlich sind die am Werk.

Das machen Roboter künftig alles selber, sagen Pessimisten. Na danke. Erstens wollen wir mal abwarten, wie intelligent die tatsächlich werden (nicht alles, was nach intelligent aussieht, ist auch intelligent; so wie nicht alles, was wie Emotion wirkt, tatsächlich gefühlt ist). Zweitens brauchen wir dann ein gigantisches Kontroll- und Sicherheitssystem, damit diese stur rationalen Maschinen nicht uns selber in einen idiotisch reibungslosen Apparat verwandeln. Drittens sollten wir uns unbedingt die Chance wahren, wieder mal auf den Geschmack an eigener kreativer Arbeit zu kommen; das schafft nur, wer seine Finger drin hält – statt oben drüber zu gleiten oder unten Löwenzahn anzuhimmeln.

Ludwig Hasler ist Kolumnist in Fachzeitschriften für Management und Kommunikation, Referent für Fragen der Zeit-Diagnostik. Sein jüngstes Buch: «Des Pudels Fell. Neue Verführung zum Denken».

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