Der Zürcher Gastro-Unternehmer Rolf Hiltl hats richtig gemacht. Der Chef des ältesten vegetarischen Restaurants der Welt, das mit seinen Filialen namens «Tibits» nicht nur in Zürich Erfolg hat, macht erstmals einen Abstecher ins Welschland. Seine Firma hat die Pacht des Restaurants im renovierten Bahnhof Lausanne gewonnen, ein kleines Wunder, denn das «Buffet de la gare» hat eine lange Tradition als gemütliche Brasserie, wo man bei einem Zweier Chasselas auf den Zug wartete oder abends währschafte Brasseriespeisen mampfte.

Das umgebaute Buffet, dessen Stil und Dekor erhalten bleiben soll, wird also ein vegetarisches Restaurant! Keine «Papet vaudois» mehr! Dafür vegetarischer Fastfood mit Selbstbedienung! Die Zürcher nehmen uns das Buffet weg! So schlagzeilten die Medien und liessen, wie üblich, Stammgäste zu Wort kommen, die diese Neuerung schwer bedauerten. Aber eben, Rolf Hiltl und der CEO der Tibits-Restaurantkette, Daniel Frei, haben es richtig gemacht. Sie haben die Proteste gehört und sind darauf eingegangen.

Frei ist regelmässig nach Lausanne gereist, gab Interviews, sprach mit wichtigen Leuten und sah, wie er dieses «Papet vaudois»-Problem lösen muss. Papet besteht aus einem Gemisch an Lauch und Kartoffeln und wird begleitet von einer Saucisse au Choux, einer fettigen Schweinswurst mit Chabis drin. Jetzt tüfteln die Tibits-Köche tatsächlich an einem vegetarischen Papet, das eine Wurst bekommt, die aussieht wie eine Chabiswurst und fast gleich schmeckt wie eine, aber nie ein Schwein gesehen hat. Und: Frei schlägt vor, dass das Restaurant weiterhin Buffet heissen soll, mit Tibits nur im Untertitel. Und siehe da: die Proteste sind weg.

Das erste welsche Tibits wird vermutlich schon nur wegen der Lage ein Erfolg: es ist Bestandteil des neuen Bahnhofquartiers mit dem riesigen Museumskomplex «Plateforme10», der bald drei kantonale Museen unter einem Dach vereinen wird.

Warum erzähle ich diese Geschichte?

Weil das Eröffnen von Filialen oder die Übernahme von Firmen im Welschland viel Fingerspitzengefühl verlangt. Man kann nicht einfach mit den Springerstiefeln einmarschieren und anordnen, dass alles genau gleich gemacht werdenmuss wie in Zürich. Man muss sich den ortsüblichen Sitten, der leicht anderen Kultur anpassen. Sonst kriegt man mittelfristig gröbere Probleme.

Darum hier ein paar gut gemeinte Tipps für künftige Welschlanderoberer:

Bitte Werbekampagnen von Profis übersetzen und anpassen lassen, Google übersetzt schlecht.

Bitte nicht spontan alle duzen! Das Duzen hat in der Westschweiz eine andere Bedeutung. Es gibt gerade in Genf noch viele Familien, wo die Kinder die Eltern siezen, aus Tradition. Duzen geht hier am Léman nur nach vorgängiger Abmachung, nach den alten Regeln von Knigge. Wenn also eine Zürcher Firma anordnet (wie dies kürzlich geschah), dass künftig im Welschland in allen Stellenanzeigen die Kandidaten geduzt werden und das Personal der Human Resources alle Kandidaten schon am Telefon duzen muss, dass sogar die Entlassungsbriefe per Du redigiert werden müssen, bedeutet dies ein grober Mangel an Respekt. Und wird als Verletzung des Anstandes betrachtet.

Bitte Geduld zeigen: Ein guter Vertrag braucht vorgängig eine längere «Causerie», am besten mit einem Apéro im Carnotzet, der gemütlichen Ecke im Weinkeller. Gibts Zoff, muss man wissen, dass im Waadtland meistens Frieden geschlossen wird, bevor der Konflikt überhaupt ausbricht. Man ist lieber nett miteinander. Deshalb ruhig abwarten und Tee trinken, wenn ein paar gewerkschaftliche Heissköpfe zu einem Streik aufrufen. Er dauert maximal anderthalb Tage. Allgemeine Tendenz bleibt die Suche nach sozialem Frieden. Also: keine übereilten Massnahmen, keine Drohungen.

Bitte keine Power-Point-Präsentationen schicken! Mündlichkeit ist gefragt. Deshalb unbedingt selbst hinfahren, selbst erklären: Wer in Genf oder Lausanne etwas erreichen möchte, muss sich selbst in den Zug setzen und nicht nur Statthalter schicken, die am Léman His Masters Voice verkünden.

Und: einfach mal gut zuhören. Und vor allem erkennen, dass es tatsächlich innerhalb der Schweiz kulturelle Unterschiede gibt, auch im Führen von Firmen. Das macht ja das Land so spannend.