Es sei «kein Zufall gewesen», dass sein Land zum Beginn einer in Warschau stattfindenden Nahost-Konferenz von einem Terroranschlag getroffen worden sei, behauptete der iranische Aussenminister Mohammed Dschawad Sarif, nachdem in der iranischen Grenzprovinz Belutschistan 27 Revolutionsgardisten bei einem Selbstmordattentat ums Leben gekommen waren. Einen direkten Zusammenhang zwischen der Terrorattacke und der Veranstaltung in der polnischen Hauptstadt gibt es aber sicherlich nicht.

Allerdings ist die Zielrichtung der Konferenz, an der mit den USA, Israel und Saudi-Arabien die drei schärfsten Widersacher des Iran teilnehmen, klar: Man wolle «mit den arabischen Teilnehmern unser gemeinsames Anliegen eines Krieges gegen den Iran voranbringen», hiess es in einer Video-Botschaft des israelischen Premierministers Benjamin Netanjahu, die später von dessen Büro gelöscht wurde.

Man wolle keinen Krieg, relativierte der israelische Premier seine unverblümte Message, sondern den Iran lediglich «bekämpfen» – was auch immer dies heissen mag. Ähnlich hatte sich auch der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman ausgedrückt, als er in einem Fernsehinterview davon sprach, «die Schlacht gegen den Iran im Iran selbst auszutragen».

Während Teheran seine Macht in Syrien, dem Irak, Libanon und dem Jemen zu demonstrieren versucht, möchte Riad aufzeigen, dass auch die Islamische Republik verwundbar ist.

Im Sommer 2017 hatten zwei Terrorkommandos in Teheran fast zeitgleich das Parlament und das Khomeini-Mausoleum attackiert und damit die iranische Hauptstadt nach einer langen Phase der Ruhe in Angst und Schrecken versetzt. Ein Jahr später kamen bei einem Angriff auf eine Militärparade in der süd-iranischen Stadt Ahwaz 29 Soldaten ums Leben. Fast ebenso viele starben am Mittwoch im iranischen Belutschistan.

Bei den Attentätern handelt sich um iranische Sunniten, die sich dem IS oder dschihadistischen Gruppen mit ähnlicher ideologischer Ausrichtung angeschlossen hatten. Ihre genauen Beweggründe sind nicht bekannt. Kein Geheimnis ist es allerdings, dass die Sunniten im Iran, die etwa 10 Prozent der Bevölkerung stellen, von der schiitischen Bevölkerungsmehrheit an den Rand gedrängt werden. Der schiitische Glaube ist im Iran Staatsreligion. Die iranische Verfassung garantiert den Sunniten soziale Gleichberechtigung. Im Alltag begegnen die Schiiten den Sunniten mit Misstrauen, benachteiligen sie, indem sie ihnen berufliche Aufstiegschancen verwehren, sie als Muslime zweiter Klasse behandeln.

Schon während der Schah-Monarchie waren die iranischen Sunniten diskriminiert worden. Als nach der Revolution die überwiegend sunnitischen Kurden ihre Rechte einforderten, wurde ihre Revolte blutig niedergeschlagen. Den Belutschen erging es nicht besser. Ihr charismatischer Führer Adolmalek Rigi wurde vor neun Jahren im Iran öffentlich gehängt. Teheran war nicht einmal bereit, die arabische Minderheit für ihre Loyalität während des Krieges gegen den Iraker Saddam Hussein zu belohnen. Die Araber leben, wie fast alle Minderheiten im Iran, in bitterer Armut, was sie anfällig für Anwerbungsversuche radikaler Sunniten-Organisationen macht.

Deren Emissäre haben es insofern einfach, weil die iranischen Belutschen, Kurden und Araber in grenznahen Gebieten leben und traditionell enge Kontakte zu Stammes- oder Glaubensbrüdern jenseits der Grenze halten. Ähnliche Verflechtungen ermöglichten es dem schiitischen Iran, den mehrheitlich schiitischen Irak und Libanon zu dominieren und die schiitische Minderheit in Saudi-Arabien gegen ihre sunnitischen Herrscher aufzuwiegeln. Diese betrachten wiederum Schiiten als «Ungläubige» und behandeln sie entsprechend.

So wird der Graben zwischen den Konfessionen immer tiefer. Iran und Saudi-Arabien, die sich als Schutzmächte der Schiiten bzw. Sunniten verstehen, versuchen «Stärke» zu demonstrieren. Das Tuch zwischen den beiden Regionalmächten scheint zerschnitten. Und vonseiten der USA wird alles unternommen, damit die Feindschaft zwischen Teheran und Riad weiter eskaliert – ohne dabei an die für alle Parteien verheerenden Folgen zu denken.