Eine Woche vor Weihnachten flog ich mit meinen Kindern für eine Reportage nach Johannesburg. Wir wollten herausfinden, wie man dort, wo die Menschen kopfüber gehen, Weihnachten feiert. Die Flüge hatte ich Mitte Oktober gebucht, zu spät, wie sich zeigte: Die einzig irgendwie bezahlbare Möglichkeit war eine Verbindung mit Turkish Airlines via Istanbul. 

Kurz darauf geriet die Welt in Aufruhr. Eine russische Passagiermaschine wurde über dem Sinai abgeschossen. Im November explodierten Bomben in Paris. Das türkische Militär schoss einen russischen Jet im syrischen Grenzgebiet ab. Amerika gab weltweite Reisewarnungen heraus. 

Ich sah mir die Flugroute genauer an und bekam Herzrasen. Von Istanbul aus würde sich unser Flugzeug nicht etwa, wie ich gehofft hatte, strikt südlich halten, um den syrischen Luftraum möglichst weit zu umfliegen, sondern in östlicher Richtung. Erst auf Höhe Zyperns würde es das Mittelmeer überqueren und anschliessend Ägypten überfliegen. 

Nun hatte mich eine dieser garstigen Angstmücken gestochen, ich fragte mich: Bringe ich meine Kinder nicht klar in Gefahr durch diese Reise? Darf ich das denn? Ist nicht der Reisezeitpunkt, so kurz vor Weihnachten, besonders sensibel? Und besonders anfällig für Anschläge?

Ich zwang mich zur Vernunft. Als ob es möglich wäre, Attentate zu prognostizieren. Als ob es möglich wäre, sich in die Attentäter zu versetzen und zu einer realen Einschätzung der Gefahrenlage zu kommen! 

Das widerliche an der Angst ist, dass bereits der geringste Anlass sie in Schwung bringt und sie sich, einmal in Bewegung, schwerlich stoppen lässt, auch von den stichhaltigsten Argumenten nicht. Angesichts der Tatsache, dass es in Bezug auf die Terrorbedrohung kaum fundierte Beruhigungsargumente geben kann, hat die Angst auf diesem Feld leichtes Spiel.

»Wir können nur leben und uns nicht aufhalten lassen, so lange es eben gut geht«, sagte eine Freundin, die Weihnachten ebenfalls, allerdings ohne Kinder und mit einem für mein Empfinden deutlich sichereren Direktflug ab Zürich, in Johannesburg verbringen wollte.

So lange es eben gut geht, wiederholte ich leise. Es klang fatalistisch, fand ich, so, als würde man das böse Ende akzeptieren. Und gleichzeitig auf wunderbare Weise trotzig und terrorresistent.

Ja, es stimmt: Reisefreiheit ist nicht verhandelbar. Wir dürfen uns nicht prophylaktisch selber einsperren. «Forza! Raus in die Welt, so oft, so weit als möglich!», forderte die Freundin.

Ich fragte mich, ob sie anders sprechen würde, wenn sie Kinder hätte. Oder waren die Kinder nur eine Ausrede für meine (mir selber unheimliche) Bereitschaft zur Ängstlichkeit?

Gewonnen hat der Terror nicht erst, wenn wir aus Angst auf Reisen verzichten», sagte sie, «sondern bereits dann, wenn wir voller Angst reisen. Und nun: gute Reise!» 

Ja, die hatten wir. Wir verbrachten beeindruckende zwei Wochen im hochsommerlichen Südafrika, inmitten einer riesigen Xhosa-Familie am Easter Cape. Als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, nahm sie uns über die Weihnachtstage auf, liess uns an ihrem Leben teilnehmen und unterrichtete uns in Respekt und Herzlichkeit. Am Silvesterabend flogen wir, wieder via Istanbul, zurück. Wintereinbruch und Schneefall machten den Weiterflug unmöglich. Die Stimmung am völlig überfüllten Flughafen in Istanbul war aggressiv, Tausende gestrandeter Passagiere aus nah und fern kämpften um einen Platz auf einem der wenigen Flüge, die noch ausgeführt wurden. 

Es galt das Recht des Schnelleren, des Stärkeren. Kinder wurden einfach umgerannt. Wir fürchteten um unsere Sachen und um unsere Gesundheit. Erst als wir abends in einem Hotel in der Innenstadt waren, fühlten wir uns in Sicherheit. Wie unbegründet dieses Gefühl war, wurde wenige Tage später deutlich, als mitten in Istanbul eine Bombe hochging und ein Dutzend Touristen in den Tod riss. 

Zum Glück ahnten wir am Ende dieses unerfreulichen ersten Tages des neuen Jahres davon noch nichts. Wir unternahmen einen Spaziergang durch die vereisten Gassen der Istanbuler Altstadt und froren ohne Wintermäntel und Mützen dermassen, dass wir laut bibberten und uns wie Verrückte schüttelten, zuckend und zappelnd. Und das sah so blöd aus, dass wir wahnsinnig lachen mussten.