Es war nur eine kurze Agenturmeldung in der Zeitung vom Mittwoch: Die Reformierte Landeskirche Aargau hat auch im Jahr 2017 Mitglieder verloren, im Saldo 2165. Zwar ist die Zahl der Neueintritte gegenüber 2016 leicht angestiegen, doch glaubt deswegen niemand so recht an eine Trendwende. Auch die katholische Kirche verliert Mitglieder. Doch der Saldo sieht bei ihr günstiger aus – vor allem wegen des Zuzugs von ausländischen Gläubigen. So stehen die Reformierten heute mehr im Fokus als die Katholiken.

Ausgerechnet an Gründonnerstag ist der Religionsexperte des «Tages-Anzeigers» den reformierten Pfarrerinnen und Pfarrern ziemlich an den Karren gefahren: Sie huldigten zunehmend ihrem Selbstvermarktungsprofil, setzten sich zu wenig mit dem geistigen Kern des reformierten Glaubens auseinander, Hauptsache originell, Hauptsache Event. Dabei lebe doch der reformierte Gottesdienst primär von der Predigt, der intellektuellen Auseinandersetzung. Die Kommentare der Leserinnen und Leser auf diese Philippika waren scharf getrennt: Ja, sagten die einen, da ist zu viel Judihui, zu viel Anbiederung an den lockeren Zeitgeist, zu wenig Auseinandersetzung mit dem Glauben. Nein, sagten die anderen, die Lockerung der Formen ist richtig, der trockene intellektuelle Diskurs vertreibt viele aus der Kirche.

Wer hat recht? Das Bodenpersonal Gottes steckt ziemlich in der Klemme. Zu seiner Entlastung sei gesagt: Es trägt nicht die Hauptschuld an den Kirchenaustritten! Es liegt auch an der schwierigen Botschaft. Wer nicht nur Floskeln herunterhaspelt, sondern sich ernsthaft mit Glaubensfragen auseinandersetzt, kommt in der heutigen aufgeklärten Zeit schnell ins geistige Schwitzen, vor allem über die Ostertage. Wie muss ich das mit der Auferstehung Christi verstehen? Wörtlich? Symbolisch? Wie passt das alles in mein Weltbild? Immer mehr Menschen finden: Es passt nicht. Ich weiss, also glaube ich nicht. Und spare mir erst noch die Kirchensteuer.

Damit sind wir bei den Hauptverantwortlichen für das Schrumpfen der Kirchen angelangt. Es sind wir, die (Un-)Gläubigen, die grossen Individualisten. Ein kleiner Teil verlässt die Kirche nach intensiver geistiger Auseinandersetzung, wegen Unvereinbarkeit des Weltbildes. Ein etwas grösserer Teil verlässt sie und sagt: Ich glaube schon an eine höhere Macht, aber dazu brauche ich die Kirche nicht. Der grösste Teil aber geht einfach. Der ganze religiöse Überbau ist ihm schlicht egal. Brauch ich nicht. Bringt mir nichts. Diese Leute erreicht auch ein Super-Pfarrer nicht.