Die Vorgänge rund um das fiktive Facebook-Profil der 15-jährigen Melanie Koch sind ein Weckruf. Innerhalb einer Woche wurden Hunderte Männer aus der ganzen Welt auf das fiktive Profil der Minderjährigen aufmerksam. Die Nachrichten, Bilder und Videos, die sie Melanie geschickt haben, sind schockierend und wahrscheinlich illegal. Den Umstand, dass so etwas heute noch möglich ist, dürfen wir nicht ignorieren – und schon gar nicht tolerieren.

Soziale Netze sind grossartig. Aber wer nicht weiss, wie man sich darin bewegt, kann sich verlieren. Das unvorsichtige Verhalten der fiktiven Melanie ist heute zum Glück nicht mehr normal, sondern eine Ausnahme. Viele Teenager sind unterdessen gut geschult im Umgang mit den neuen Medien. Das dürfen wir aber nicht als selbstverständlich betrachten. Die verstörenden Nachrichten aus Melanies Chat-Verlauf sind der beste Beweis dafür, dass der Diskurs über sicheres Surfen heute wichtiger ist denn je.

Die Verantwortung liegt auch bei den Eltern: Das Melanie-Experiment soll zu keinem Internet-Verbot und zu keiner Facebook-Sperrung führen; es soll zur kritischen Diskussion anregen. Die Ausgangslage dafür war noch nie besser. Denn wer heute Kinder hat, bringt selber schon ein Grundwissen über soziale Netze mit. Eltern hinken ihren Kindern auf Facebook nicht mehr hinterher, sondern haben ihnen etwas voraus. Das ermöglicht endlich eine Diskussion über Sicherheit im Internet auf Augenhöhe.

patrick.züst@azmedien.ch