Das Rätselraten dauert seit Monaten. Viele hatten erwartet, dass sie nach der Abstimmung über das Kinderkrippengesetz vom Sonntag endlich Klarheit schafft. Das aber war nicht der Fall, und so reisst Freund und Feind allmählich der Geduldsfaden. Denn Hochulis Entscheid hat wesentlichen Einfluss auf den Wahlkampf und darauf, wer sich wie positionieren kann. Je länger sie wartet, desto weniger Zeit bis zu den Wahlen bleibt Kandidierenden, die einspringen könnten.

Warum Hochuli ein monatelanges Rätselraten inszeniert, bleibt ihr Geheimnis. Sind es taktische Überlegungen? Ist sie hin- und hergerissen? Oder geniesst sie einfach die Aufmerksamkeit? Ihr Standardspruch «Jede Frage hat ihre Zeit und jede Antwort auch» wirkt beim ersten Mal originell, beim fünften Mal abgedroschen. Ihr Argument, die Anmeldefrist für die Regierungsratswahlen sei am 26. August, mag formaljuristisch korrekt sein. Trotzdem ist es nicht die feine Art, vor allem gegenüber ihrer eigenen Partei.

Tritt sie an, wird sie ziemlich sicher wiedergewählt. Verzichtet sie jedoch in letzter Minute, so macht sie sich zur Wahlkampfhelferin von SVP-Kandidatin Franziska Roth. Zwar kennt praktisch niemand im Kanton die Brugger Bezirksgerichtspräsidentin, und politische Erfahrung hat sie auch nicht – doch am Ende könnte es sein, dass sie schlicht keine ernsthafte Konkurrenz hat. Denn bei den Grünen ist weit und breit niemand in Sicht, der im bürgerlichen Aargau mehrheitsfähig ist.

FDP und SP sollten einen zweiten Kandidaten nominieren

Die SVP ist angetreten mit dem Anspruch, eine Auswahl zu bieten. Gut so! Genau das sollten sich nun auch die anderen Parteien zu Herzen nehmen und prophylaktisch überlegen, wen sie bei einem Verzicht Hochulis portieren könnten. Denn sonst ist Franziska Roth keine Auswahl mehr, sondern Regierungsrätin mangels Alternative. Und das wäre nicht, was man unter einer lebendigen Demokratie versteht.

Regierungsratswahlen sind keine Parteien-, sondern Persönlichkeitswahlen. Deshalb konnte Hochuli als Vertreterin einer Minipartei Regierungsrätin werden, deshalb war Kurt Wernli parteiloser Regierungsrat. Im Aargau gibt es vier grosse Parteien und fünf Regierungssitze. In den 1970er- und 1980er-Jahren stellte die SP zwei Regierungsräte (Arthur Schmid und Louis Lang), bis in die 1990er-Jahre die FDP (abwechselnd Kurt Lareida, Victor Rickenbach, Thomas Pfisterer und Stéphanie Mörikofer), danach die CVP mit Roland Brogli und Rainer Huber.

Die CVP ist in den Wahlen 2016 damit beschäftigt, ihren Kandidaten Markus Dieth als Brogli-Nachfolger ins Ziel zu bringen. FDP und SP allerdings sollten neben den bisherigen Stephan Attiger und Urs Hofmann je einen weiteren Kandidaten suchen. Oder wollen sie das Feld kampflos der Wundertüte Franziska Roth überlassen?

Namen gefällig? Bei der FDP gibt es die Neo-Nationalräte Thierry Burkart und Matthias Jauslin – beide regierungsratsfähig, aber eben erst in Bundesbern angekommen. Grossrätin Renate Gautschy hat sich als Gemeindeammännerpräsidentin profiliert und weiss, wo der Basis der Schuh drückt. Rheinfeldens Ammann Franco Mazzi führt seine Stadt seit Jahren erfolgreich. Oder warum nicht auf die jüngere Generation mit Grossratserfahrung setzen? Da gäbe es die Ökonomin und dreifache Mutter Maja Riniker und den Brugger Historiker Titus Meier.

Auch die SP hat fähiges Personal. Pascale Bruderer fliegt ausserhalb jedes Parteienrasters und würde sofort gewählt – doch so kurz nach der Wiederwahl in den Ständerat dürfte ihr ein Regierungsamt ungelegen kommen. Bereits Exekutiverfahrung hat die Wettinger Gemeinderätin und Nationalrätin Yvonne Feri. Oder jemand mit Führungserfahrung an der Spitze einer Stadt? Da gibt es Jolanda Urech (Aarau) und Daniel Mosimann (Lenzburg). Bis in die Mitte hinein akzeptiert sind Grossrat und Fraktionschef Dieter Egli und Grossratspräsident Marco Hardmeier.

Die SVP muss mit Franziska Roth kutschieren. Sie haben auf sie gesetzt und nicht auf einen erfahrenen Politiker, vielleicht mit der Erwartung, dass Hochuli wieder antritt und eine SVP-Kandidatur aussichtslos sein würde. Falls es nun anders kommt, müssen die anderen Parteien für Auswahl sorgen.

christian.dorer@azmedien.ch