Gastkommentar

Reaktionär oder revolutionär?

Die Demo am 1. August in Bern.

Die Demo am 1. August in Bern.

Der Rütlischwur ist eine Legende, die nicht einmal von Schiller stammt – aber immerhin erregte er eine Demo.

Coronabedingt fallen die grossen Sport- und Kulturanlässe aus, die fehlende Erregung wird teilweise durch Manifestationen ersetzt. Neben dem einschlägigen Themenangebot gab es am 1. August in Bern eine zwar wenig beachtete, aber originell betitelte Demo – gegen den Rütlischwur. Dieser Mythos stehe für eine Geschichte der Gewalt, Ausbeutung und Unterdrückung; von der Sklaverei bis hin zur Hexenverfolgung. «Wir aber wollen eine solidarische und herrschaftsfreie Welt», steht im Aufruf.

Für was stehen die drei rebellischen Eidgenossen auf der «Wiese mit Kuhfladen» (Bundesrat Ueli Maurer)? Bern als Ort der Demo ist jedenfalls richtig gewählt. Erfunden wurde das Feierdatum 1. August 1291 dort, parallel zum 700-Jahr-Jubiläum der Stadt 1891. Die liberal-fortschrittlichen Kräfte feierten Stadt und Nation zwei Tage in der Bundesstadt, während sich die katholische Innerschweiz gegen die Vereinnahmung der lokalen Befreiungstradition wehrte. Und demonstrativ die Jahreszahl 1307 aufs Telldenkmal in Altdorf setzte.

Die mentale Verknüpfung der modernen republikanischen Schweiz mit der konservativen Innerschweiz gelang dennoch. Mit der Wahl des ersten Katholisch-Konservativen in den Bundesrat, dem Entlebucher Josef Zemp, setzte 1891 die Versöhnung ein. Heute sieht man in der Innerschweiz am 1. August mehr Schweizer Flaggen als anderswo.

Doch wofür stand die Legende im Ursprung? Es geht in allen Quellen um eine Verschwörung gegen die Tyrannei der Vögte, um Beistand in der Rebellion gegen die Unterdrückung. In einigen Schriften wird gar der Tyrannenmörder Wilhelm Tell als einer der drei Eidgenossen dargestellt. Aus ihnen wurden die «drei Tellen», die Symbolfiguren des Bauernaufstandes von 1653 – gegen die Ausbeutung durch die städtischen Obrigkeiten. Als Tellen verkleidet wurde gar ein tödliches Attentat auf die Luzerner Elite ausgeführt, die Symbolwirkung war beträchtlich. Friedrich Schiller schliesslich, inspiriert durch Goethes Schilderungen, veredelte das Freiheitsdrama vollends: «(...) Wir wollen frei sein, wie die Väter waren, eher den Tod, als in der Knechtschaft leben. (...)»

Diese Botschaft passte den progressiven Gründern der modernen Schweiz bestens, musste sich doch die junge und einzige Demokratie inmitten Europas gegen die imperialen Monarchien behaupten. Nur in der Schweiz konnte die Revolution von 1848 reüssieren und die Verfassung nach den Prinzipien der Aufklärung und Französischen Revolution verankert werden. Mit der Totalrevision von 1874 wurde die Partizipation radikal zur direkten Demokratie weiterentwickelt, mit Initiativen und Referenden.

Die Schweiz wurde, zum Ärger der aristokratischen Nachbarn, zum Zufluchtsort der Revolutionäre, Libertären und Anarchisten – wie Michail Bakunin. Die Gründung der «Antiautoritären Internationalen» fand 1872 in St-Imier statt. Es wurde ein Solidaritätspakt besiegelt, nach den Prinzipien Autonomie und Föderalismus. Im gleichen Jahr wurde Bakunin Ehrenbürger der Gemeinde Mosogno im Onsernone, wo der Geist der Selbstbestimmung und die Skepsis gegen Obrigkeiten noch heute lebendig sind.

Michail Bakunin hielt die Bottom-up-Eidgenossenschaft für das einzige Land mit ausreichend demokratischen und föderalistischen Strukturen. Er starb in Bern, sein Grab liegt auf dem Bremgartenfriedhof. Wegen seiner Kritik am autoritären Zentralismus wurden er und andere Anarchisten von Karl Marx aus der Ersten Internationale ausgeschlossen.

Es fragt sich, wo die jungen Demonstranten von heute damals gestanden hätten. Weltweit gilt die Schweiz bezüglich Bürgerbeteiligung und lokaler Autonomie als Vorzeigemodell; das ökofeministische Selbstverwaltungsprojekt Rojava in Syrien nennt sie mit ihren Kantonen und Genossenschaften ausdrücklich als Beispiel.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1