Gisel war seit Oktober 2015 Vorsitzender der Geschäftsleitung der Raiffeisen-Zentrale in St. Gallen. Zuvor war er während 13 Jahren der Stellvertreter von Pierin Vincenz, gegen den ein Verfahren wegen Verdachts auf ungetreue Geschäftsbesorgung läuft. Vor wenigen Wochen wurde dieser aus einer über dreimonatigen Untersuchungshaft entlassen.

Ein Verbleib im Amt wurde für Patrik Gisel zunehmend unmöglich. Er dürfte in den letzten Tagen zur Erkenntnis gelangt sein, dass es für ihn letztlich keine Alternative zum Rücktritt gab.

Mit Gisel war ein glaubwürdiges Saubermachen an der Spitze von Raiffeisen schlicht nicht zu machen. Jahrelang arbeitete er eng mit Pierin Vincenz zusammen. Dabei  soll von den Übertreibungen und heiklen Geschäften nichts mitbekommen haben. Er muss aktiv die Augen verschlossen haben.

Oder wie NZZ einmal treffend schrieb: Gisel erinnert stark an einen Mitfahrer im Seitenwagen, der nicht merke, dass der Motorradfahrer Verkehrssignale zu wenig ernst nimmt und ab und zu auf der falschen Seite in die Einbahnstrassen einbiegt.

Doch nicht nur seine Nähe zum gefallenen Ex-Raiffeisen-Chef wurde ihm zum Verhängnis. Gisel wurde auch auf seiner ureigensten Domäne geschlagen: Als IT-Spezialist hatte er ausgerechnet die Einführung einer neuen, äussert teuren Informatikplattform (über 500 Millionen Franken) nicht im Griff.

Das Projekt verzeichnet grosse Kostenüberschreitungen, es kommt zu langen Verzögerungen und zum Teil zu falschen Zins-Berechnungen. Dass Gisel in den letzten Wochen auch noch grobe Fehler in der Kommunikation unterlaufen sind und Regionalbankenchefs wegen einer Indiskretion strafrechtliche Konsequenzen angedroht wurden, machte das Dutzend voll.

Gisels Rücktritt dürfte endlich Ruhe in die krisengeschüttelte Organisation bringen. Das ist dringend nötig. Der Verwaltungsrat hat nun bis Ende Jahr Zeit, einen neuen Chef für die drittgrösste Schweizer Bank zu suchen. Offenbar sind in den letzten Tagen bereits die ersten Headhunter ausgeschwärmt.

Gleichzeitig wird auch ein neuer Präsident gesucht, der zur ausserordentlichen Delegiertenversammlung am 10. November bestimmt werden soll. Das zeigt: Bei der Raiffeisen hat das Saubermachen gerade erst begonnen. Für den Ausdauersportler Gisel geht mit dem heutigen Tag ein Marathon zu Ende.