Freundliche Worte, wenig Substanz. Nur eine gute Stunde dauerte das erste Treffen zwischen Russlands Staatschef Wladimir Putin und Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un. Beide bezeichneten ihre Begegnung unter vier Augen anschliessend als «inhaltsvoll», wollten aber keine Details preisgeben. «Wir konnten über die Geschichte unserer Beziehungen und über das Heute sowie die künftige Entwicklung des bilateralen Verhältnisses sprechen», sagte Putin zunächst im russischen Fernsehen.

Später reichte er laut der Nachrichtenagentur Tass nach, dass sich Russland für eine multilaterale Garantie der Sicherheit und der Souveränität gegenüber Nordkorea einsetze. Die internationale Gemeinschaft müsse Pjöngjang mehr entgegenkommen.

Kim Jong Un bezeichnete das Gespräch als «substanziell». Wie die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap berichtet, gab Kim an, «Zweck unserer Visite in Russland ist dieses Mal, Meinungen auszutauschen über die Situation auf der koreanischen Halbinsel – ein Thema von akutem Interesse, auf das die Welt blickt». Vorab hatte es noch geheissen, im Zentrum würde das umstrittene nordkoreanische Atomprogramm stehen.

Darüber verlor der Diktator aus Pjöngjang aber kein Wort. Auch nicht, ob sich Moskau tatsächlich dafür einsetzt, die Sanktionen gegen Pjöngjang zu lockern, wenn von dort wenigstens symbolische Fortschritte angeboten werden. Im Anschluss wurde das Gespräch unter Einbeziehung der Delegationen weitergeführt. Daran nahmen auch die Aussenminister beider Länder, Sergej Lawrow und Ri Yong Ho teil. Eine gemeinsame Erklärung war jedoch nicht vorgesehen.

Der Wladiwostok-Gipfel wird wohl als eine symbolische Episode im Kampf um die Macht im Fernen Osten eingehen. Kim Jong Un kann darauf verweisen, dass er neue Freunde gewonnen hat und nach wie vor als Staatsmann behandelt wird. Für Putin springt bei diesem Treffen allenfalls eine strategische Positionsverbesserung gegenüber China und den USA heraus.

Russland hatte vor zehn Jahren gleichberechtigt mit den USA, China, Japan und beiden Koreas an den Sechs-Parteien-Gesprächen zur atomaren Entwaffnung Pjöngjangs teilgenommen, bevor diese im Streit platzten. Jetzt will Moskau wieder an den Verhandlungen teilhaben.

In den Jahren nach dem Ende des Kalten Krieges verband Russland und Nordkorea nicht viel mehr als eine 17 Kilometer kurze Grenze im Dreiländereck mit China. Vergessen die Zeit, da Moskau dem kommunistischen Staat im Norden Koreas politisch und wirtschaftlich auf die Beine half. Die Kim-Dynastie benutzte die Sowjetunion so lange als Schutzmacht, bis es sich bei China geborgener fühlte.

Trotz Putins globalen Machtansprüchen und lockenden Avancen erzielte der Kreml bisher nie wieder seinen früheren Einfluss und musste mehr oder weniger zähneknirschend akzeptieren, dass Peking und neuerdings auch Washington für Pjöngjang Vorrang geniessen.

Kim Jong Un brauchte nach dem Gipfel-Desaster von Hanoi unbedingt einen politischen Etappensieg. Auch unter diesem Aspekt ist die Intensivierung der Beziehungen zu Moskau für den jungen Diktator einerseits eine Korrektur der Fehleinschätzung, dass sich die USA darauf einlassen würden, die Sanktionen gegen vage Versprechen zu lockern. So dient die Gipfel-Show von Wladiwostok beiden – vor allem als Botschaft an Washington. Die Vereinigten Staaten sassen in Wladiwostok quasi unsichtbar als dritter Partner am Tisch.

Das Thema nordkoreanisches Atom- und Raketenprogramm ist einer der wenigen Punkte, bei dem sich Moskau und Washington halbwegs einig sind und bei dem es einen regelmässigen Dialog gibt. Der Kreml-Chef ist dem Vernehmen nach nicht daran interessiert, dass sich mit Nordkorea eine weitere Atommacht in seinem geopolitischen Umfeld eta­bliert.

So tritt Russland zwar im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen immer mal wieder als Anwalt der nordkoreanischen Interessen auf, um die Souveränität des früheren Verbündeten zu schützen und damit eine Vereinigung unter südkoreanischen Vorzeichen zu blockieren.

Ein proamerikanisches Korea unter Führung von Seoul wäre für Moskau eine Horrorvision. Es ist also damit zu rechnen, dass sich die Beziehungen zwischen Russland und Nordkorea sehr rasch intensivieren. Insofern könnte sich Wladimir Putin nach dem Wladiwostok-Gipfel den Worten von Kim Jong Un durchaus anschliessen, der bei seiner Ankunft in Russland versichert hatte: «Das ist nur der erste Schritt. Ich komme wieder.»