Erstmals in der 87-jährigen Geschichte der SRG wird das Schweizervolk am 4. März über das Schicksal dieses Unternehmens abstimmen. So oder so: Die SRG wird über die Bücher gehen müssen. Denn es muss gelingen, eine echte Medienvielfalt zu etablieren, wie es in allen anderen europäischen Ländern der Fall ist. Dies bedeutet: Die SRG mit ihrem Monopolcharakter muss abspecken. Wo und wie die SRG ihr Angebot (17 Radioprogramme, 7 TV-Programme) reduziert, muss Sache der SRG sein; die Rahmenbedingungen muss der Gesetzgeber festlegen.

75 Prozent der Einnahmen der SRG stammen aus den Empfangsgebühren, 25 Prozent aus kommerziellen Einnahmen. Am einfachsten wäre es, der SRG die Empfangsgebühren zu gewähren (1,25 Milliarden), ihr aber Fernsehwerbung zu untersagen (280 Millionen) – analog dem erfolgreichen englischen Modell der BBC. Damit würde der Druck durch die Quoten wegfallen, ein neues, anderes Fernsehen würde möglich. Analog dem SRG-Radio. Dieses ist werbefrei und gerade deshalb erfolgreich.

Sparpotenzial gibt es vielerorts. Das Budget der SRG wird heute nach einem solidarischen Verteilschlüssel den Regionen zugewiesen (Deutschschweiz/rätoromanische Schweiz 71% Einnahmen, 45% Budget; Westschweiz 24% Einnahmen, 33% Budget; italienische Schweiz 4,5% Einnahmen, 22% Budget). Diese Umverteilung der Mittel bedarf der Anpassung an die heutigen Marktverhältnisse, ohne den Kern des nationalen Zusammenhalts infrage zu stellen.

Ein neu zu entwickelndes SRG-Kanalmanagement müsste privaten Anbietern auf SRF-TV-Kanälen Sendefenster zur Verfügung stellen, die diese in eigener redaktioneller Verantwortung programmieren, schlägt der Medienjournalist und frühere «Tagesschau»-Chef Rolf Probala vor: «Ein solcher Kanal könnte das Programmangebot der SRG durch neue Sichtweisen bereichern (Wissens-, Bildungs-, Forschungs-, Innovationsplatz Schweiz, Kultur mit ihren zahlreichen Institutionen und Veranstaltern).»

In diesem neuen Mediensystem tritt die SRG als Veranstalterin auf, die sowohl eigene Programme realisiert als auch Sendungen anderer Anbieter ausstrahlt, vergleichbar einem Warenhaus, das nach dem Shop-in-Shop-Modell auch Dritten Ladenflächen für deren Produkte bereitstellt. Die Neuorientierung würde die SRG aus der politischen Schusslinie nehmen; das Verhältnis zu den Privaten würde sich entspannen. Auch im Bereich der Produktion. Heute liegt die Produktion der SRG in den Händen der hauseigenen Produktionsfirma tpc mit über 1000 Angestellten. tpc liefert qualitativ hochstehendes Fernsehen von Weltniveau; mit neuen, kostensparenden Produktionsmethoden (wie Videojournalisten) tut man sich auch heute noch schwer. Wie wäre es, wenn ein Teil der von tpc erbrachten Leistungen dem freien Markt überlassen und tpc von SRG und Privaten als Joint Venture geführt würde?

Mit der neuen Kooperations- und Partnerschaftsstrategie könnte sich die SRG auch intensiver auf ihre traditionellen Service-public-Leistungen besinnen, die sich durch Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit auszeichnen. Denn Service-public-SRG bedeutet vor allem auch Angebote, die niemand anderes zu leisten vermag, mit denen man sich als Zuschauer gerne identifiziert. Die englische BBC hat jüngst öffentlich verlauten lassen: «Wir sind die unverzichtbare, kulturelle öffentlich-rechtliche Medienunternehmung Grossbritanniens, die mit allen wichtigen kulturellen Institutionen des Landes privilegierte, qualitativ hochstehende Partnerschaften eingeht.» Ein beeindruckendes Versprechen, das, sinngenmäss, eine erneuerte SRG beflügeln könnte. Die aktuelle Debatte zeigt, dass sich das SRG-Fernsehen nicht mehr auf die einstige Volksverbundenheit («Radio Beromünster») abstützen kann.

Dies mag mit der heutigen Deutschschweizer Fernsehkultur zu tun haben. Beispielsweise haben Roger Schawinski, Sandro Brotz & Co einen Gesprächsstil entwickelt, der an Verhörmethoden erinnert und Respekt und Anstand vermissen lässt. Wie wohltuend sind hingegen Form und Stil bei unseren österreichischen Nachbarn. Ein anderes Beispiel: In der Schweiz leben heute 2,1 Millionen Ausländer. Es wäre eine Frage der Höflichkeit, die wichtigsten Programme in Hochdeutsch zu produzieren (Beispiel «Meteo»). Dies würde auch unseren französisch- und italienischsprachigen Minderheiten, aber auch den Millionen von Touristen, die jährlich unser Land besuchen, den Zugang zu unserem Land erleichtern und jene Gastfreundschaft und Humanität ausstrahlen, die man heute vermisst.