Kommentar

Poste ich einen interessanten Inhalt oder nur weil ich viele Likes kriegen will?

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Instagram prüft die Abschaffung der «Gefällt-mir"-Funktion. Nur noch der Poster soll sie sehen, der Rest der Gemeinde nicht mehr. Das soll die User davon abbringen, bestimmte Inhalte zu posten, die zwar viele Likes generieren, aber unter Umständen von zweifelhafter Qualität sind.

Instagram will die Likes abschaffen. Um der Gefallsucht der User entgegenzusteuern, sagt das Unternehmen. Weil durch das Lechzen nach Likes die Qualität der Beiträge stetig sinke, sagen andere. Immerhin schlug die NZZ der SocialMedia-Bude nach bewährter Manier die Alternative «Selbstverantwortung» vor, die doch jedwelcher Reglementiererei vorzuziehen sei. Anmassende Moralisierung gewissermassen.

Vielleicht geht es auch hier um das Internetversprechen schlechthin. Dass alle mit allen interagieren und kommunizieren können. Und deshalb alle besser werden. Weil aus dem strebenden Bemühen aller noch immer der Fortschritt herausgekommen ist. Wir wissen es jetzt besser. Da ist ganz anderes herausgekommen. Prüfen wir, woraus moralischer Fortschritt, wenn es denn dergleichen wirklich geben sollte, entstehen könnte. Die Idee war: Aus wohlmeinender allgemeiner Ermahnung und Belobigung. Ich poste, was (mich?) besser macht. Du likest das (mich?). Das macht mich jetzt zu einem besseren Menschen.

Ich entwickle eine Sucht nach Likes und spreche dann gerade die niederen Instinkte der Likers an. Auf Youtube fand ich einen Prediger (oder wie heissen die dort?), der mit den Beispielalternativen «Füdli» und «interessanter Gedanke» (einer Posterin) hantierte.

Schon Kant warnte davor, dass Selbstsucht in Sachen Moral etwas Gefährliches sei. Wenn ich ihr auch nur minimal Einlass in meine «Triebfeder» (damit meinte er meine Handlungsmotivation) gewähre, ist es um die Moralität meiner Handlung geschehen. Ich darf nicht gut sein wollen, weil mir dadurch allenfalls Bewunderung gezollt wird. Der moralische Wille ist nur der reine.

Schiller sah das auch als Problem: «Gerne dien’ ich den Freunden, / doch tu ich es leider mit Neigung, // Und so wurmt es mir oft, / dass ich nicht tugendhaft bin.»

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