Kolumne

Politik spiegelt Veränderung

Nach den letzten Wahlen hat sich eine bürgerliche Mehrheit ergeben, die bis heute kaum richtig funktioniert hat.. (Symbolbild)

Nach den letzten Wahlen hat sich eine bürgerliche Mehrheit ergeben, die bis heute kaum richtig funktioniert hat.. (Symbolbild)

Kolumne über Gespräche, oft nach rückwärts gerichtet, wo doch anderes gefragt wäre.

Zwei alte Freunde trafen sich zum Gedankenaustausch. Sie kannten sich aus der Politik, hatten sich lange nicht gesehen und waren – wie früher schon – am Tagesgeschehen interessiert. Der eine sagte (wie zu erwarten): Früher sei alles besser, einfacher, sachbezogener gewesen. Man habe Lösungen gesucht, nicht nur Schaumschlägerei betrieben. Der andere – etwas mehr noch in den tagespolitischen Aktivitäten verhaftet, vertrat die Auffassung, die ausschliessliche Betrachtung im Rückspiegel habe auch ihre Tücken. Mehr noch, sie berge die Gefahr, die Gegenwart zu negieren und die Zukunft zu verschlafen.

Solche Gespräche finden tagtäglich irgendwo statt. Sie sind wohl auch nötig und richtig. Nur wer von der Vergangenheit eine Ahnung hat, kann kompetent über die Zukunft reden. Allerdings nur dann, wenn man nicht glaubt, im Besitz der abschliessenden Weisheit zu sein. Für unsere Generation, die bekanntlich ihre besten Zeiten hinter sich hat, ist dies eine besonders anspruchsvolle Herausforderung. Die Versuchung ist gross, die Vergangenheit nahtlos in die Zukunft zu transferieren und diese im rosigen Lichte erscheinen zu lassen. Die Versuchung macht vor ehemaligen Politikern nicht halt. Selbst frühere Bundesräte sind ihr schon erlegen oder unterliegen ihr noch heute.

«Die schlechtesten aller Ratschläge sind jene, die von niemandem nachgefragt werden», pflegt ein guter Bekannter jeweils zu sagen. Das heisst noch lange nicht, keine Meinung mehr zu haben und sich allen Gesprächen und Auseinandersetzungen zu entziehen. Im Gegenteil: Ich diskutiere gern mit jungen Leuten über Gott und die Welt. Auch mit meinen Nichten und Neffen, die schon lange in anderen Welten leben als ihre und meine bäuerlichen Vorfahren. Dabei kann ich immer wieder feststellen, wie wenig Neues es unter der Sonne gibt.

Selbstverständlich ist einiges anders geworden und unsere Gesellschaft immer wieder tiefgreifenden Veränderungen unterworfen. Letztlich ist die Politik nur ein Spiegelbild davon. Mehr noch: Ihre Aufgabe wäre es, solche Veränderungen auch abzubilden. Nicht unkritisch, nicht im Sinne gedankenloser Nachahmung. Nur – war das nicht immer schon so? Der Sonderbundskrieg hatte wohl tiefere Gräben in die Eidgenossenschaft gerissen, als dies jede moderne gesellschaftspolitische Veränderung heute zu tun vermag. Auch die Gründung der modernen Eidgenossenschaft verlief kaum so reibungslos, wie es das uns heute erscheinen mag.

Was möchte ich damit sagen? Es gibt nicht die gute Vergangenheit, die schlechte Gegenwart und die mit aller Sicherheit noch viel lebensunwertere Zukunft. Die Zukunft findet so oder so statt. An uns liegt es, ob wir dabei sein wollen und zu deren Ausgestaltung etwas beitragen möchten. Hier allerdings gibt es einiges zu tun. Nicht nur Dinge, die man sich vor den nächsten Wahlen als Feder an den Hut stecken kann.

Nach den letzten Wahlen hat sich eine bürgerliche Mehrheit ergeben, die bis heute kaum richtig funktioniert hat. Sichtbar geworden sind in erster Linie gegenseitige Schuldzuweisungen, die bis heute vermutlich wenig zum Finden von Lösungen für drängende Probleme beigetragen haben. Das lässt die politische Linke, die man vorgibt zu bekämpfen, in einem weit stärkeren Lichte erscheinen, als dies die zahlenmässigen Voraussetzungen gebieten würden. Das muss für die Schweiz nicht schlecht sein, im Gegenteil. Wir leben nun einmal nicht in einem System, das auf Regierung und Opposition beruht. Das feine staatspolitische Gespür, niemanden langfristig zu dominant erscheinen zu lassen, ist nach wie vor intakt. Nicht zum Schaden, sondern zum Nutzen unseres Staatswesens.

Doch zurück zum Anfang, zum eingangs erwähnten Gespräch: Nicht die Frage, ob die Vergangenheit besser gewesen sei als die Gegenwart, ist entscheidend, sondern die Einsicht, dass die Zukunft nicht nur uns allen gehören sollte, sondern letztlich eine unabänderliche Grösse darstellt. Zukunft haben nur jene, die sie auch wollen. Heute haben wir es in der Hand, Zukunft mitzugestalten, damit die Zukunft ein Gesicht erhält, mit dem wir uns per Mehrheit einverstanden erklären können. Dabei braucht es auch die, die etwas mehr nach rückwärts schauen als andere, die gerne möglichst alles über Bord werfen möchten. Nur so ist Gewähr geboten, dass wir uns stetig weiter bewegen mit dem Ziel vor Augen, das zu tun, das uns allen zum Nutzen gereichen kann.

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