Das Baby schläft, während Nationalrätin Irène Kälin (Grüne) ihrer Pflicht als Politikerin nachgeht. Soweit so unspektakulär. Doch anscheinend ist es das nicht. Das zeigen die fast 200 Leserkommentare unter dem Video-Beitrag von Tele M1, der Mutter und Kind im Nationalratssaal zeigt. Die meisten fühlen sich provoziert oder befürchten Nachahmerinnen. Natürlich müssen Kinder im Nationalratssaal die Ausnahme bleiben. Irgendwann schreit das erste und stört damit den Ratsbetrieb. Das geht nicht.

Gleichzeitig sollen Frauen, die Mutter werden, weiterhin Politikerinnen bleiben können. Das Beispiel von Irène Kälin zeigt aber, wie schwer sich ein politisches Amt und ein Baby vereinbaren lassen. Damit sie die Herbstsession nicht verpasst, haben sich Kälin und ihr Partner so organisiert, dass er sich um das Kind kümmert und sie es in den Pausen stillt. So einfach dürfte es nicht immer sein. Etwa wenn der Vater nicht drei Wochen Ferien nehmen kann oder die Mutter alleinerziehend ist.

Während die Wirtschaft gemerkt hat, dass sie dem Thema Vereinbarkeit von Job und Familie nicht länger aus dem Weg gehen kann, fehlen im Bundeshaus Strukturen. Es gibt keine Krippe und einen Platz nur für drei Wochen während den Sessionen zu finden, dürfte schwierig sein – auch, weil sich politische Debatten nicht an Bürozeiten halten. Wer Eltern in der Politik will, täte deshalb gut daran, im Bundeshaus entsprechende Strukturen zu schaffen oder den Ratsbetrieb zu überdenken und zum Beispiel Sitzungen an fixen Tagen einzuführen anstatt dreiwöchiger Sessionen.