Hunderte Facebook-Nutzer machten vor einigen Tagen ihrem Ärger über einen Artikel in der «Schweiz am Sonntag» Luft. Unter dem Titel «Die Überbewertete» hatte die Zeitung Stimmen zu Wort kommen lassen, welche die Rolle der Operation Libero und deren Co-Präsidentin Flavia Kleiner bei der Bekämpfung der Durchsetzungsinitiative relativierten: Auch andere Organisationen hätten sich vor dem 28. Februar eingesetzt, seien aber weniger wahrgenommen worden.

Über dem Artikel abgedruckt war ein Foto von Aktivistin Kleiner. Sie trug – kaum zufällig – einen pinken Mantel, die gleiche Farbe wie das Logo der «Liberos». Der Autor erwähnte ihn vier Mal.

Das kam schlecht an. In den Augen vieler Leser wurde Kleiner so auf ihr Äusseres reduziert. Der Tenor der Kritik: «Wir können in der Schweiz nicht mit erfolgreichen Frauen umgehen.»

Ist dem so? Aus journalistischer Sicht gibt es gute Gründe, den Mantel prominent in Szene zu setzen: «Ein pinker Mantel geht um» ist ein prägnanter Texteinstieg, der neugierig macht. Jeder kann sich etwas darunter vorstellen. Das Kleidungsstück eignet sich somit gut als roter Faden in einem politlastigen Text.

Das wäre bei einem Mann genau gleich: Stellen Sie sich vor, Cédric Wermuth erschiene – analog zu Kleiner und passend zum SP-Logo – im knallroten Anzug im Parlament. Das Bild wäre auf allen Kanälen. So ähnlich erging es Neo-Nationalrat Jonas Fricker (Grüne), der kürzlich ohne Jackett ans nationalrätliche Rednerpult trat. Im Nu war er die Top-Story auf dem grössten Online-Portal des Landes. Auch Parteikollege Bastien Girod wird das Label «Sixpack-Politiker» seit einem Nackt-Plakat 2008 nicht mehr los. Fazit: Wer optisch etwas wagt, ob Frau oder Mann, fällt auf, wird beachtet. So funktioniert die mediale Aufmerksamkeitsökonomie.