Die Schweiz ist ob ihres Milizsystems nur zu beneiden. Ob Bauer, Unternehmer oder Arzt: Erfahrung im «wahren Leben» zählt etwas. In Berlin kann man davon allenfalls träumen. Immer häufiger beschränkt sich die Lebens- und Berufserfahrung deutscher Jungpolitiker auf «Kreisssaal – Hörsaal – Plenarsaal». Dabei ist man sich ja eigentlich auch in Deutschland einig: Wer ausserhalb der Politik nicht lebensfähig ist, der soll uns auch nicht repräsentieren!

Doch wehe es kommt mal einer von ausserhalb. Aus der, pfui, Wirtschaft zum Beispiel. So wie Friedrich Merz, möglicher Merkel-Nachfolger. Der kommt aus der Finanzwelt und kann deshalb ja gar nichts anderes sein als der Totengräber des Sozialstaats. Sofort beginnt die Social-Media-Treibjagd.

Die Grünen-Politikerin Katja Dörner twittert: «Friedrich Merz gegoogelt. Gefunden: AXA, DBV-Winterthur, Deutsche Börse AG, BASF, HSBC Trinkaus, Commerzbank ... #justsaying». Für Leute wie Dörner wirkt eine solche Karriere derart abstossend, dass sie das in ihrem Tweet nicht mal kritisieren muss. Der war bei der Börse, ist ja jedem von selber klar, dass das kein guter Mensch sein kann.

Dörner selbst hat übrigens noch keinen Cent ausserhalb des steuerfinanzierten Sektors verdient. Kreisssaal – Hörsaal – Plenarsaal eben. Wenn sie wenigstens mal auf einem ökologischen Bauernhof ausgeholfen hätte ...