Xi Jinping dürfte sich die Augen gerieben haben: Ein Spitzentreffen zwischen Kim Jong Un und Donald Trump, eine Weltenwende im drohenden Atomkonflikt, eine neue Ära der transpazifischen Entspannung, und er, der Präsident Chinas, musste ahnungslos zuschauen. Xi stand bei der Bekanntmachung des Gipfeltreffens arg im Abseits. Hinter den Kulissen dürfte es in Peking mächtig gebrodelt haben über den diplomatischen Alleingang des «Freundes» Trump.

Verletzte Gefühle? Vielleicht. Anmerken lässt man sich das in Peking aber nicht. Die Chinesen tragen ihre Bewunderung für Trump nach wie vor stolz zur Schau. Der Journalist Benjamin Carlson schrieb im Magazin «The Atlantic» über die chinesische Liebe zu Trump und meinte, viele Chinesen könnten mit dem politisch korrekten Umgangston westlicher Kreise nichts anfangen. Sie bewunderten Trump für seine unverblümten Aussagen und würden seine «America first»-Strategie als Zeichen der Stärke sehen.

Diese Ehrfurcht vor starken Männern haben die Chinesen seit ihrer Leidenszeit unter Staatsgründer Mao Zedong nie ganz abschütteln können. Die Bewunderung für Mao ist noch immer riesig. Sein Konterfei schmückt die Banknoten, auf Felsmalereien wird ihm ewige Treue gelobt. Doch zugegeben: Ein Vergleich zwischen Trump und Mao ist gewagt. Der Autor Zhang Hongliang machte ihn trotzdem und schrieb kürzlich, Mao und Trump seien die beiden einzigen Personen in der Menschheitsgeschichte, die die Massen aufgefordert hätten, die Eliten zu stürzen.

Augenfälliger sind andere Parallelen: Beide Männer sind (beziehungsweise waren) fettleibig und überspielen ihre latente Unsportlichkeit mit Schwimmversuchen im Gelben Fluss (Mao) oder Golf-Schlägen auf grünen Matten (Trump). Beide sind Kultur-Verachter: Mao liess die Erinnerung an die Kaiserzeit und die architektonische Manifestation religiöser Ehrerweisungen in der «Kulturrevolution» zerstören, Trump straft das kulturelle Erbe seines Landes mit Ignoranz ab. Und beide sind (wenn auch in konträrer Weise) besessen von Grenzmauern: Mao wollte die Chinesische Mauer bis zum letzten Stein abtragen lassen, Trump möchte am liebsten ein modernes Pendant an der US-Südgrenze errichten.

Wie dem auch sei; wer das offizielle China beobachtet, erkennt schnell, dass die vermeintliche Bewunderung für Trump nichts ist als Kalkül. Peking hat Trump als leicht manipulierbare Knetmasse erkannt, die man bei Bedarf wunderbar nach dem eigenen Gusto verformen kann. Das ganze digitale Gedöns, mit dem Trump China abwechslungsweise als Währungsmanipulator und unfairen Handels-Trickser bezeichnet hat, liess Peking lächelnd an sich abprallen.

Xi & Co. steckten diese Affronts weg und mimten für Trump bei dessen Staatsbesuch im November die bewundernden Gastgeber. Der schauspielerische Effort lohnt sich. Im Schatten des sich aufplusternden «Mr. President» kann Xi sich als smarter Handelspartner für westliche Wirtschaftsmächte positionieren und sich gleichzeitig als Leader im Kampf gegen den von Trump infrage gestellten Klimawandel aufspielen. Und während Trump sich mit seinen isolationistischen Tiraden ins republikanische Réduit verzieht, breitet Xi die Arme weit aus und investiert Milliarden in den Ausbau der «Neuen Seidenstrasse»: eines gigantischen Infrastrukturplans, der Afrika, Asien und schliesslich Europa an den chinesischen Partner anbinden soll.

Und Trump? Der präsidiale Blondschopf scheint beeindruckt von den potemkinschen Kulissen, die ihm die Chinesen vor der Nase hochziehen. Er habe «sehr tiefen Respekt» für China, sagte er in Peking im November. Die USA seien selber schuld, dass China sich auf Kosten der Amerikaner im Welthandel bereichert habe. Man habe eben schlechte Deals gemacht. Und Xi, betonte Trump vergangene Woche, sei ein «grossartiger Gentleman». «Er ist jetzt Präsident auf Lebzeit. Vielleicht sollten wir das auch einmal machen.» Der ironische Unterton war deutlich. Xi selbst hätte aber sicher nichts dagegen, wenn auch Trump nach der ewigen Macht greifen würde. Noch weniger, seit Trump gestern seinen Aussenminister Rex Tillerson, einen China-Kritiker, entlassen hat. Und wenn es wirklich zum Treffen zwischen Kim Jong Un und dem US-Präsidenten kommen sollte, dann gibt es neben Xi wohl bald einen zweiten asiatischen Staatsführer, der sich ob der protzigen Knetmasse aus dem fernen Amerika die Hände reibt.

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