Ostern ist die Feier des Lebens, das stärker ist als der Tod. Ostern ist das Fest der Versöhnung zwischen Gott und den Menschen, die auch die Versöhnung zwischen zerstrittenen Menschen und die Versöhnung des Menschen mit sich selbst möglich macht.

Aber was bedeutet dieser manchen schon als veraltet erscheinende Begriff «Versöhnung»? Er hat einerseits eine tief persönliche und spirituelle, andererseits eine gesellschaftliche und politische Dimension, die eng miteinander verbunden sind.

Versöhnung macht nicht kurzerhand ungeschehen, was missglückte. Versöhnung in spiritueller Perspektive bedeutet, seelische Wunden zu heilen, mit eigenen und fremden Narben, wie sie das Leben an Menschen zurücklassen, achtsamer umzugehen. Die vorösterliche Passionszeit erinnert an die Endlichkeit des Lebens, an Leid und Leiden, menschliche Schuld und Scham.

Sie thematisiert das Scheitern und den Tod. Zusammen mit Ostern ist sie Ausdruck der tiefen menschlichen Sehnsucht nach Ganzheit und Verbundenheit. Aus dem Leiden am Tod erwächst Leidenschaft: Passion für das Versöhnte und Lebendige.

Davon berichtet die Passions- und Ostergeschichte: Gottes Sohn erleidet einen gewaltsamen Tod durch Menschenhand. Seine Mission ist gescheitert, er wird ein Opfer des wütenden Mobs und der opportunistischen Justiz. Seine Auferstehung ist Gottes Antwort auf Unrecht, Leid und Gewalt: Das Leben ist stärker als der Tod und stärker als alles, was Menschen einander antun können.

Diese Leidenschaft für den Sieg des Lebens über den Tod betrifft aber nicht nur den individuellen Menschen. Sie drängt aus dem eigenen, stillen Kämmerlein hinaus in die Gesellschaft. Sie ist Kraftquelle für innerlich und äusserlich freie Menschen, die sich gegen Gewalt und Unrecht, und für Werte wie Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität einsetzen.

Das sind zwar Werte, für die sich die christlichen Kirchen heute entschieden einsetzen, es sind aber keine exklusiv christlichen Werte. Sie erinnern an «liberté, égalité, fraternité». Es wäre unredlich, die Werte der Aufklärung im Nachhinein als ursprünglich christlich zu deklarieren. Zu lange hatten die Kirchen beider grossen Konfessionen wenig Interesse daran, diese Werte hochzuhalten. Sie liessen sich sogar für politische Konflikte wie die Villmerger Kriege oder den Sonderbundskrieg instrumentalisieren.

Seit den Gründerjahren der modernen Schweiz aber sind die grossen christlichen Konfessionen als Landeskirchen konstituiert und durch die Kantonsverfassung den Werten der Demokratie und des Rechtsstaats verpflichtet. Diese Werte ermöglichen dem Einzelnen ein gelingendes Leben in Freiheit und sichern den Schutz der Würde und der Rechte jedes Menschen in der Gemeinschaft.

Es ist kein Zufall, dass seit jenen Gründerjahren in der Schweiz der religiöse Frieden zum Normalzustand geworden ist: Die Landeskirchen haben diese Werte als Ausdruck ihres christlichen Menschenbilds erkannt und integriert.

Die Werte der Demokratie und des freiheitlichen Rechtsstaates sind heute stärker bedroht als auch schon. Nicht zuletzt durch Menschen, die angeblich religiös motiviert sind. Sie sind aber auch bedroht durch politische Versuche, sich vor religiösem und politischem Fanatismus oder vor Terrorismus zu schützen.

Sie sind ebenfalls bedroht durch politische, ideologische oder religiöse Strömungen, welche den Menschen simple Lösungen auf die komplexen und schnell wechselnden Herausforderungen des globalisierten, ökonomisierten und digitalisierten 21. Jahrhunderts anbieten.

Das kann christliche Leidenschaft, die ihre Kraft aus der Passions- und Ostergeschichte und aus dem Sakrament des Abendmahls oder der Eucharistie bezieht, nicht kalt lassen. Christinnen und Christen sind gefordert in unserer Zeit. Auch wenn die Feier von Karfreitag und Ostern auf den ersten Blick nicht viel mit den aktuellen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen zu tun hat: Versöhnung ist notwendig.

Die Sehnsucht nach gelingendem Leben darf nie der Resignation weichen. Die Passion für das Versöhnte und Lebendige wird sich vermehrt für diejenigen Werte einsetzen müssen, die uns in Europa und in der Schweiz religiösen Frieden und nie da gewesene gesellschaftliche Stabilität gebracht haben.

Diese Leidenschaft nährt sich aus dem Glauben an die Geschehnisse, von denen die wichtigsten christlichen Feiertage – Passion und Ostern – berichten: von der verändernden und versöhnenden Kraft, die aus dem Widerstand gegen Leid, Unrecht und Gewalt sowie aus der Hoffnung auf den Sieg des von Gott geschenkten Lebens entsteht.