Ich habe gewählt. Sie auch? Beim Nationalrat hatte ich etwas Mühe, jene Partei, die ich von Haus aus am liebsten unterstütze, tatsächlich am meisten zu unterstützen, weil sie sich mit einer Partei verbandelt hat, die ich nicht so gern unterstütze. Aber halt! Eine Woche vor den Wahlen sind inhaltliche Empfehlungen und verräterische Bekenntnisse tabu.

Um mir vor dem Wählen ein Bild der Kandidierenden zu machen, habe ich mich in die Leserbriefseiten gestürzt. Aber das habe ich bald wieder aufgegeben. Die meisten Briefe sind Empfehlungen von Parteifreunden für Parteifreunde. Das nützt mir nichts. Ich brauche objektive Gütesiegel. Die sind, ausser bei Bisherigen, für Parteilose wie mich schwer zu erhalten. Ich bin fast ein bisschen neidisch auf die Parteiangehörigen aller Couleurs. Die wissen stets, wo die Wahrheit sitzt.

Es wird spekuliert, die Wahlbeteiligung könnte wieder einmal über 50 Prozent steigen, weil das Klimathema stark «mobilisiere» (ein komisches Wort im Kontext mit Klimaschutz). In meinem Umfeld gibt es aber andere Signale: «Was für ein dickes Couvert, das mache ich gar nicht auf!» – «Was für eine lange Wahlanleitung, die mag ich gar nicht lesen!» – «Die vielen Köpfe am Strassenrand hängen mir zum Hals heraus!» Die Rekordflut an Listen und Kandidierenden ist für Nicht-Insider des politischen Systems wirklich kaum zu überblicken.

Die Gesellschaft zerfällt seit je in Teilnehmende und nicht Teilnehmende, in Interessierte und in nicht Interessierte. Es gilt die Regel: Je mehr Mitsprachemöglichkeiten ein Volk hat, desto weniger macht es davon Gebrauch. Ganz selten gelingt es, die Grenze zwischen Teilnehmenden und Abstinenten ein paar Prozentpunkte zu verschieben. So nahmen an der Abstimmung über die Durchsetzungsinitiative 2016 über 63 Prozent teil, um die SVP in die Schranken zu weisen. Ob die «Klimawahl» einen ähnlichen Effekt hat? Fraglich, eher nein.

Seit je wird darüber gestritten, ob die Nichtwähler das Signal aussenden «Ich bin zufrieden, wie es läuft» oder das Signal «Die Politiker machen sowieso, was sie wollen». Beweisen lässt sich weder das eine noch das andere. Klar ist: Nichtwähler entscheiden Wahlen durch ihr Abseitsstehen mit.