Kolumne

Ohne Kinder, ohne Glück? Zum «Krieg» zwischen Leuten mit Nachwuchs und Kinderlosen

Neid ist Eltern gewiss, Neid kann aber auch zu Mitleid werden: Ein verlassener Spielplatz.

Neid ist Eltern gewiss, Neid kann aber auch zu Mitleid werden: Ein verlassener Spielplatz.

Max Dohner, Autor der CH-Media-Redaktion ist fünffacher Familienvater.

Greifen wir lieber mal wieder zu Weltliteratur, statt am Tisch der Schnäppchen-Psychologie in Lumpen zu wühlen: «Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.» Das schrieb Tolstoi als ersten Satz in seinem Roman «Anna Karenina» (1877/78). Anderthalb Jahrhunderte später kann man den Satz wie Lackmuspapier verwenden in Bezug auf das Heute: «Alle glücklichen Kinderlosen gleichen einander, jede kinderlose Person ist auf ihre eigene Weise unglücklich.»

Aber stimmt das auch? Man kann ein paar Bekannte fragen, die keine Kinder haben. Und knüpft oder spinnt dann aus dem Ungenauen, das sie berichten (die Mehrheit der Kinderlosen redet nicht gern drüber), ein paar Vermutungsfäden. Ob diese tragen vom einen bis zum anderen Gedankenast, ist fraglich, geschweige denn, ob sie halten. Besser also, man befragt tausend Leute – standardisiert – zum Gleichen, wie das Soziologen tun. Carsten Wippermann aus München zum Beispiel, im Rahmen einer Studie des deutschen Familienministeriums 2015.

Wippermann fand heraus, dass vor allem Angehörige gehobener Milieus auf Kinder verzichten – der Soziologe nennt sie «Performer» … Zwischenfrage: «Performen» Eltern etwa nicht? Einen Hochseil- oder Eiertanz von morgens früh bis abends spät, im Minimum! Ist das keine Aufführung, wie sie im Buche steht, keine Endlosstaffel des Alltäglichen, wirklich nicht? Wenn die Solokarriere als «Performance» gilt, was wäre dann Elternschaft? Pausenloses Schattenboxen, lebenslanges Treten an Ort … Man spürt den Hipsterdünkel aus München und ist verstimmt.

Leute ohne Nachwuchs, sagt Wippermann, «erfahren aufgrund ihrer gewollten Kinderlosigkeit offene oder latente Stigmatisierungen» («Der Spiegel» vom 23. März). Kinderlose seien «konfrontiert mit Vorwürfen eines sozialschädlichen Egoismus.» Bemerkenswert: Die Zahl der Gesellschaftsschädlichen wächst offenbar weiter. Zum Kreis der toxischen Männer gesellen sich neuerdings toxisch Kinderlose, darunter viele Frauen. Ihnen wird – oft durch Schwestern – seit je Schmerzlicheres vorgeworfen als Männern: Frauen, die nicht Mutter sein wollen, seien fehlgewickelt, selbstsüchtig und kalt.

Im aggressiven Vorhalt, sich «nicht natürlich» zu verhalten, steckt oft das landläufigste aller Gifte, der Neid. Wie aggressiv der Ton auch hier geworden ist, zeigt das folgende Zitat. Die deutsche Autorin Gabriele Riedle (60, kinderlos) sagt: «Jede Art von Hypothese über Kinderlose ist letztlich eine Kriegserklärung.» Du sollst dir kein Bild machen und so weiter ... okay. Aber erkläre ich damit jemandem gleich den Krieg? Vielleicht hat der Neid auch nur – wie so Vieles – einen Januskopf. Unbegründet wäre er jedenfalls nicht. Eine Kollegin von Wippermann, die Bremer Soziologin Hilke Brockmann, sagt: «In westlichen Industrienationen sind Nichteltern im Schnitt zufriedener als Eltern.»

Die Familie als Ideal des bürgerlichen Mikrokosmos ist in der Moderne ein Martyrium des Banalen. Man setze sich zum Beispiel nur einmal – einmal! – dem Schrei-Brüll-Krampf seiner Goofen aus, wenn alle rundum glotzen, als brate man die Racker am Spiess, und dabei steht man bloss im «Manor» vor einer Legowand. Da wird alles Tandaradei, der ganze Honeymoon mit Candlelight, womit alles seinen Lauf genommen hatte, grotesk. So etwas meinte wohl Karl Kraus, der Satiriker, als er das Wort «Familienbande» auf den Nachsilben betonte: «Bande».

Neid ist Eltern trotzdem gewiss. Kinderlose malen sich ja nicht die Hölle der Legowand aus, sondern das Daunenkissen stillen Glücks. Das liegt etwa auf dem Antlitz einer schlafenden Tochter am Ende eines aufregenden Tags. Man legt die Hand auf die Schulter des Kinds, als striche man dort die Fittichfedern eines Engels glatt.
Neid changiert jedoch auch zu Mitleid, ebenfalls wechselseitig. «Ach», sagen Leute hoch oben auf der Familienkutsche, «diese Flachrennen um den Grossen Preis der Karriere! Da vergaloppiert sich manche Reiterin, mancher Reiter. Wer kümmert sich noch um die Ärmsten, wenn sie vom hohen Ross fallen?» Die einen schlagen «irgendwann hart am Boden der Tatsachen auf» – aus Mangel an Familie. Und die anderen machen «gnadenlos Bekanntschaft mit der Realität» – wegen Familie.

Damit könnte man sich gegenseitig doch leben lassen. Nämlich mit dem lapidaren Satz, ganz für sich im Stillen: «Soll er oder sie versuchen, was immer sie wollen – das macht am Ende auch nicht glücklich.» Im Instagram-Benchmarking des eigenen «Lebensentwurfs» aber … Zwischenfrage: Wer hält das Leben für so harmlos oder einfältig, sich nach dem Plan oder «Entwurf» einer Karriere zu richten? … in unseren Zeiten ist keine Furcht so schnell und so kurzsinnig, wie die Angst, andere seien womöglich glücklicher als wir. Erwachsene lächeln gern onkel- und tantenhaft über den Frust und den Blues ihrer Teenager, wenn die meinen, alle anderen hätten mehr Spass als sie, nur weil sie dauernd auf deren Self-Marketing hereinfallen. Erwachsene aber sind darin kaum viel reifer. Posten Eltern Glücksföteli mit Bälgern und bemerken, dass Kinderlose «am Traumstrand die Seele baumeln» lassen, knirschen sie mit Zähnen. Nicht wenige liebäugeln dann mit der grimmigen Lust, über Nacht auf den anderen «Lebensentwurf» zu wetten und fortan wieder solo der Sonne entgegenzureiten. Unglücklicherweise kann man Kinder da nicht einfach über Bord schmeissen.

Dauernd wird verglichen, entwertet, abgewehrt, verhöhnt und verleumdet. In Windeseile werden tausend Lebensmöglichkeiten angeklickt, erschnuppert, fortgewischt, erledigt. Sich gründlich auf eine Möglichkeit einzulassen – darauf reagiert die Mehrheit inzwischen panisch. Dauernd muss jemand mit anderem «Lebensentwurf» die Arschkarte gezogen haben, damit man sich im eigenen festgefahrenen Gleis besser fühlt. Den Schwarzen Peter glauben nicht wenige Mütter und Väter mit dem Nachwuchs erwischt zu haben. Hält denn nicht jeder «dynamische» Manager Familiennest-Hocker insgeheim für Loser? Als hätten die im Aufstieg zu viele Sandsäcke am Ballon. «Flexibel bleiben!», lautet das Diktat der Zeit. Da bleibe man mal «flexibel» – mit Kindern!

Dass die Zahl der Kinderlosen steigt unter den Solipsisten, parallel zu ihren Portefeuilles und Boni, ist nicht überraschend. Die Leistungsgesellschaft duldet den Satz «Kinder an die Macht!» nur, wenn er sich verkauft (bei Grönemeyer), oder am politischen Cheminéefeuer: «Für die Nachwelt sorgen, heisst für unsere Kinder sorgen.» Warum nicht jetzt schon für alle sorgen? Erst in zehn bis zwanzig Jahren werden Soziologen breiter herausfinden können, ob das Warten auf Godot von Kinderlosen ü70 glücklicher verläuft als bei Vätern und Müttern, die im Heim kaum Besuch bekommen durch Söhne, Töchter, Enkel. Nicht unwahrscheinlich, dass hier alle «Lebensentwürfe» enden: In der «Abendruh» mit lauwarmem Tee aus der Schnabeltasse und «Happy-Day-Gucken» im Säli: Karrierist, Einzelgängerin, Familienbär und Kommunarde.

Etwas dürfte mit Sicherheit anders werden, wenn die Kinder verschwinden wie die Bienen. Die Familienromane werden dünn und dünner. Tolstois Familienroman «Anna Karenina» wies noch 1280 Seiten auf in der deutschen Übersetzung. Kein Wunder: Ein ganzer Reigen an Personen, Familienmitgliedern, Verwandten entfaltet sich vor unseren inneren Augen. «Eine ganze Welt», sagt man gewöhnlich.

Familien wissen nicht, weshalb genau sie am Tisch zusammenhocken. Sie tun es einfach, obenhin gelangweilt, im Tiefsten neugierig. Jeder schleppt mit sich einen privaten «Buddenbrooks»-Roman, blickt auf ungefähr drei Generationen. Familie ist der epische Teppich in die eigene Epoche; jedes Mitglied steht darin für ein Segment. Familie bietet Stoff für Romane, ohne Kommentar, ohne Erklärung. Einfach weil es sie gibt, rätselhafte Varianten von unsereiner. Und am Ende gehört die Einsicht, nicht Autor seines «Lebensentwurfs» zu sein, sondern nur die Spielfigur eines Musters – wie alle in der Familie –, kaum zu den dümmsten Erfahrungen.

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