Der Schock sitzt tief. Novartis streicht in der Schweiz knapp 2200 Stellen. Das Ausmass des Abbaus hat fast niemand erwartet, auch wenn die geplante Ankündigung im Vorfeld durchgesickert ist. Viele reiben sich nun die Augen und reagieren mit Unverständnis, dass ein kerngesundes Unternehmen derart radikal Stellen abbaut. Angesichts eines Gewinns von über 11 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr ist diese Sicht überaus verständlich.

Novartis-Chef Vas Narasimhan sagt, der Abbau sei «absolut nötig», damit der Pharmakonzern weltweit wettbewerbsfähig bleibe. Zudem sei die Profitabilität des Unternehmens heute nicht ausreichend. Im zweiten Teil der Antwort liegt der Kern der Wahrheit. Denn die Aktionäre sind mit dem Profit, den Novartis erwirtschaftet, nicht zufrieden.

Man kann und darf einwenden, dass eine Betriebsgewinn-Marge von 31 Prozent in der Pharma-Sparte sehr hoch ist. Pro 100 Umsatzfranken bleiben also 31 Franken Gewinn übrig. Danach werden noch die Zinskosten und die Steuern abgezogen. Doch den Investoren – und auch dem Novartis-Management – ist das zu wenig. Der Branchenschnitt liegt bei 35 Prozent, bei Roche sind es sogar knapp 43 Prozent. Der neue Chef Vas Narasimhan will den Abstand zur Konkurrenz verkleinern. Wie das gehen soll, sagte der 42-Jährige an seiner ersten grossen Präsentation vor den Investoren im Mai. Novartis müsse die Kosten besser in den Griff bekommen. Es gehe darum, die Ausgaben Jahr für Jahr «aggressiv zu senken».

Novartis-CEO: „Wir werden agiler und effizienter“

Novartis-CEO: „Wir werden agiler und effizienter“

Novartis will in der Schweiz rund 2150 Stellen innerhalb von vier Jahren abbauen. Dieser Schritt sei Teil eines Programms, um Novartis effizienter und agiler zu machen, sagt Novartis-CEO Vasant Narasimhan im Interview.

So gesehen sind das Leid der Betroffenen und der Aufschrei der Öffentlichkeit nicht mehr als ein Kollateralschaden für das Novartis-Management. Denn letztlich ist für sie nicht die Sicht der Öffentlichkeit und der Mitarbeiter entscheidend, sondern die Optik der Aktionäre. Tiefere Kosten münden in einen höheren Betriebsgewinn. Und damit steigt der Aktienkurs von Novartis. Beides sind Grössen, die sich mehr oder weniger direkt auf das Portemonnaie der Topmanager auswirken. Management und Investoren profitieren also im Gleichschritt von einem Stellenabbau.

Der Schock dürfte über die nächsten Tage und Wochen hinaus wirken. Auch andere Firmen bauen zwar in der Produktion und in der Administration Stellen in der Schweiz ab. Verstörend ist in Fall von Novartis das Ausmass. Offenbar fehlt dem Management die Fantasie, mehr als nur die geplanten 200 bis 300 Mitarbeiter umzuschulen oder anders einzusetzen. Man darf von einer Firma erwarten, dass sie sich dazu Gedanken macht. Die tieferen Volumen in der Produktion waren schliesslich absehbar. Ein Konzern wie Novartis ist nicht nur den Aktionären verpflichtet, sondern hat auch eine Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern. Nimmt man den gestrigen Abbau zum Massstab, darf es nicht überraschen, wenn Novartis in einigen Jahren anderswo das Messer ansetzt, etwa bei der Forschung und Entwicklung.