Gedanken

Noch aus dem Grab ein Witz

Steven Spielberg - hat er seine Kreativität mit dem Alter verloren? (Archiv)

Steven Spielberg - hat er seine Kreativität mit dem Alter verloren? (Archiv)

Über Kreative, die ihre Schaffenskraft verlieren. Und solche, die einfach altern

Ist «Flasche leer» bei gewissen Meistern des kreativen Fachs? Sicher später als bei Fussballern (und gewissen Fussballtrainern). Das darf man vorweg gleich mal anmerken. Hat Schaffenskraft eine Halbwertszeit? Erleidet sie unter Umständen gar einen «schnellen Leistungsabfall» wie eine Autobatterie, wodurch man – wie bei der Autoachse – von «gebrochener Schaffenskraft» redet?

Die Frage kam auf, nachdem der Kollege vom Ressort Film Steven Spielbergs neuen Film «Ready Players One» gesehen hatte. Und dann – via Film – den Regisseur beurteilte: «Spielberg kanns nur noch spektakuleer».

 Ja, wer zuletzt lediglich noch mit Handwerk klappert ... Es wäre indes grotesk, vom Schweizer Mittelland aus einen begnadeten Erzähler in Kalifornien daraufhin fern zu diagnostizieren, ob ihm die Puste, die Verve ausgegangen ist. Auch wenn gewisse Psychiater durchaus Talent beweisen in Fern-Seelenergründungen.

Es ist einfach nicht zu klären, ob bei Spielberg – erstens – die Quellen wirklich austrocknen wie die kalifornischen Wasserreserven. Und selbst wenn – zweitens: Auch mit links könnte der Meister weiterhin Stümper abtrocknen. Nur weil ein Grosser «welkt», gerät ein Kleiner deswegen noch nicht in den Zustand des Erblühens.

Natürlich gibt es Beispiele verebbender Schaffensfreude. Vorsichtiger gesagt, sind es Beispiele für den Anschein schwindender Kraft. Aber was ist es im Grund? Tatsächlich Einfallslosigkeit, Stoffarmut, repetitive Könnerschaft – oder Kummer, Melancholie, Altersschwermut und Missmut, Einsicht in die Zwecklosigkeit allen Tuns, schlicht das Alter, das an jedem frisst?

Selbst wenn man einen Menschen gut kennt, traut man es sich ohne weiteres nicht zu, Dinge bei ihm zu unterscheiden, die untrennbar einen Seelensee füllen, worüber nur noch wenig Licht huscht. Man kann, kühner noch, vermuten: Nicht einmal der Kreative selber weiss, was in ihm langsam auskühlt und den Vorhang zieht.

Es gibt Zeugnisse von Künstlern aus diversen Sparten. Die sprechen über Selbstzweifel, Alter und schwindende Schaffenskraft. Zum Beispiel Federico Fellini und Georges Simenon: der Filmregisseur und der Krimi-Schriftsteller, Freunde, die sich spät kennen gelernt hatten. Ihr Briefwechsel erschien 1997.

Simenon hatte eine unglaubliche Produktion; allein unter seinem Namen erschienen 193 Romane; unter Pseudonym kamen unzählige dazu; Martin Walser, mittlerweile 91-jährig, muss lange leben, um aufzuholen, trotz jährlich einem neuen Roman. Man kann offenbar einen Schaffensdrang entwickeln auch aus Angst, ihn zu verlieren.

Fellinis Filme nach «Amarcord» – etwa «Casanova» oder «Città delle Donne» – halten viele für alters-steril und seelenarm. Doch schon als 43-Jähriger, in «Achteinhalb», thematisierte Fellini genau das: das monumental Aufgeblähte eines innerlich energie- und orientierungslosen Regisseurs.

 Fellini und Simenon verband noch etwas Närrisches – um einen berühmten Narren aus «Amarcord» zu zitieren: «Voglio una donna!» Hatten die beiden das sauber auseinandergehalten, Libido und Schaffenskraft? Fürchteten sie beim einen Jungbrunnen insgeheim – eigentlich ziemlich explizit – um den Verlust des zweiten? Wieso sollten sie Kreativität und Libido auseinanderhalten, wenn ein Doktor aus Wien genau darin eine seiner taumeligen Verknüpfungen schuf?

Sigmund Freuds Kraft übrigens wurde durch die Nazis aufgerieben und durch den Krebs: Nach gut einem Jahr im Londoner Exil liess er seinem Leben durch den Hausarzt ein Ende setzen.

Die Trinität Eros, Jugend und Kunst aber lebt. Vor allem unter alten Knackern im Film. Unverwüstlich bis zu ihrer Auflösung durch den Tod verkörperte das ein Trio, dem nichts heilig war und Lebenserfahrung allein der Massstab, das Wissen um die Fehler, die kleine Gier, die vielen Schwächen der Leute: Wilder/Matthau/Lemmon.

Denkwürdig heute noch ist eine Plauderei zwischen Billy Wilder und Walter Matthau am Pool, Zigarre im Mund, die sie veranstalteten für ein deutsches Magazin. Matthau fragte den Regisseur: «Wie stellst du dir deinen letzten Tag so vor?» Billy antwortete: «Am Tag, da ich, 127 Jahre alt, im Bett mit einer Geliebten von ihrem Ehemann erwischt und erschossen werde.»

Es gibt eine Sparte Künstler, die haben offenbar kein Problem mit der Schaffenskraft, weil das für sie zeitlebens mörderisch war: die Komiker. Auf Billy Wilders Grabstein steht: «Ich bin ein Schriftsteller. Aber dann – niemand ist perfekt.»

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