Gastkommentar

No Bullshit – Back to the Roots

Sind leider oft geschlossen: Die WCs in den Zügen. Unser Autor sieht dahinter einen falschen Fokus.

Sind leider oft geschlossen: Die WCs in den Zügen. Unser Autor sieht dahinter einen falschen Fokus.

Weniger Leute in den Chefetagen und mehr Respekt vor ehrlicher Arbeit und denen, die sie ausführen, fordert der Gastkommentator Thomas Kessler.

Haben Sie kürzlich den Tagesschau-Beitrag zu den vielen geschlossenen WCs in den SBB-Zügen gesehen? Der Reiniger berichtet, er hätte an der Endstation für alle Wagen knapp fünf Minuten Zeit, der Firmensprecher meint dazu, das reiche bestens. Da zwischen Wartung und Funktionsfähigkeit ein Zusammenhang besteht, bleiben Zweifel. Im November wollten die SBB den Putzleuten noch die sogenannte Schmutzzulage von 1.45 Franken pro Stunde streichen.

Es erinnert an die Swissair, die kurz vor dem Grounding trotz hoher Ticketpreise den Service einschränkte. Oder an die Basler Verkehrsbetriebe, die vor ihrer Skandalreihe vermeldeten, sie würden in der Champions League fahren. Berufsleute wissen: Wenn in einer Firma der Druck auf die niedrigsten Lohnstufen steigt, ist was faul am Kopf. Dort hat man bei der SBB jetzt den CEO ausgewechselt – der neue, Vincent Ducrot, will zurück zum Sinn der Bahn, nämlich zuverlässig und in sauberen Wagen Menschen und Waren transportieren – kundenorientiert und mit Wertschätzung für die Mitarbeiter. Back to the roots.

Das hören wir doch gerne, ich – autofrei – leiste mir aus Sympathie und Bequemlichkeit nämlich den Luxus eines 1. Klasse-GA, obwohl es für mich nicht rentiert. Und ich rede gerne mit dem Personal und stelle fest – mehr Interesse an den Mitarbeitern ist dringend nötig. Das dünkt mich auch bei der Post. Sind das Gehetze der Briefträger und die ständig neuen Anforderungen an die Chauffeure wirklich kluge Optimierungen oder werden hier die Matrix-Übungen der Consulter aus der Management-Etage im Freilandexperiment umgesetzt? Das Ganze könnte aus David Graebers «Bullshit Jobs – vom wahren Sinn der Arbeit» stammen.

Während die Kaste der Manager, Berater, Sprecher und Zudiener dieser neuen Aristokratie immer mächtiger wird, werden die effektiv Tätigen im Kundendienst und an den anspruchsvollen Maschinen laufend gedrückt. Dazu passen auch die neuesten Meldungen aus der weltweit intensivsten Umverteilungsbürokratie – der Schweizer Agrarpolitik. Während die Chrampfer in Feld und Stall ständig weniger werden, steigt der Aufwand der Agrarbürokratie beim Bund umgekehrt (über-)proportional um fast 4 Prozent jährlich. Und da jeder Kanton nochmals eine eigene Verwaltung für die Feinverteilung unterhält, in grossen Kantonen grösser als jene des Bundes, beschäftigen sich inzwischen Tausende mit den Nuancen der maximalen Regulierung.

Doch auch im Gesundheitswesen, der Bildung und ebenso in der Privatwirtschaft wächst das Heer derjenigen, die sich rapportieren lassen und daraus neue Anforderungen an die Basis generieren. Die Umstellung auf IT hat bekanntlich das Papier in den Büros nicht abgeschafft, der Verwaltungsaufwand steigt in allen Branchen. Die Krankenpflegerinnen, Spitex-Mitarbeiter, Lehrerinnen, Sicherheitsleute und Monteure kennen das Problem, die produktive Rest-Zeit schrumpft, die Anforderungen steigen.

Die Politik ist Teil dieser Spaltung. Während jede einzelne Grenzwächter-Stelle zum Politikum erhoben wird, arbeiten inzwischen vielerorts mehr Journalisten bei der Verwaltung als bei den Medien. Statt O-Ton der Politikerinnen und Amtsleiter gibt es nun aufwändig erstellte Communiqués und mehrfach gestrählte Interviews.

Jahrzehntealte Systemfehler tragen das ihrige bei – siehe Mehrwertsteuer. Das komplizierte System mit 3 Sätzen und 29 Ausnahmen schafft jährlich unproduktive Administrationskosten in Milliardenhöhe – unter dem Strich ohne sozialen oder anderen Nutzen. Die Nahrungsmittel sind zwar vergünstigt, die für Einkommensschwache mindestens so relevanten Ausgaben für Kleider, Dienstleistungen und Telefonie aber verteuert.

Das neue Parlament muss diese Anachronismen und Fehlentwicklungen wesentlich mutiger angehen als das letzte. Wir brauchen einfache und faire Lösungen und wieder den Respekt vor tatsächlich nützlicher Arbeit. Auf eine Feudalkaste sich selbst vermehrender Administratoren können wir hingegen getrost verzichten.

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