Es gibt wohl für ein Unternehmen nichts Schöneres, als wenn Kundinnen und Kunden auf die Barrikaden steigen, wenn es von der Schliessung bedroht ist. Solches erleben wir zurzeit mit und bei der Post. Was früher eine reine Selbstverständlichkeit war, in jedem Dorf und mochte es fast noch so klein sein, die Post war vertreten. Das soll nun anders werden. Zunehmend werden Poststellen geschlossen oder ganz oder teilweise in Läden oder andere Anlaufstellen verlagert.

Das hat zu berechtigten Reaktionen geführt. Auf allen Stufen unserer Gemeinwesen wird Protest erhoben, werden Demos organisiert und Politikerinnen und Politiker aufgefordert, in Bern endlich energisch auf den Tisch zu hauen. Die meisten kommen denn auch dieser Aufforderung nach und transportieren den öffentlichen Zorn dorthin, wo er hingehört, zur Direktion der Post und letztlich auch zum Bundesrat.

Das alles ist gut und auch verständlich. Allerdings sollte man sich ab und zu auch ein wenig der historischen Fakten erinnern. Als Nationalrat durfte ich damals die Sektion PTT der Geschäftsprüfungskommission präsidieren. Zu dieser Zeit galt der unumstössliche Grundsatz der ungefähren Gleichheit der postalischen Versorgung im ganzen Land. Oder anders gesagt:

Wer in einem abgelegenen Bergtal wohnte, sollte mindestens ebenfalls ähnliche Leistungen der Post beanspruchen dürfen wie an der Bahnhofstrasse in Zürich. Das alles kostete schon damals Geld, und nicht wenig. Die Finanzierung erfolgte über die sogenannte Mischrechnung der PTT – oder anders gesagt: Wer telefonierte, bezahlte etwas an die nicht kostendeckenden Leistungen der Post in bevölkerungsschwachen Regionen unseres Landes.

Dann kam die politische Forderung nach Aufhebung dieses Ausgleichssystems. Vermutlich war dies auch nicht mehr haltbar im Blick auf die technologische Revolution und die zunehmende Marktöffnung im Bereich des Telefonierens. Allerdings warnte der damalige Präsident der Generaldirektion der PTT, Hans Werner Binz, genau vor der heutigen Situation der Gefährdung der vergleichbaren Versorgung in der Fläche.

Dazu kamen weitere Entwicklungen wie das Internet und das E-Mail, das zu einem dramatischen Rückgang bei der Briefpost führte. Die Privatisierungen im Paket- und in anderen Bereichen und die faktische Unmöglichkeit, die Tarife zu erhöhen, sei es aus Gründen der Konkurrenz oder wegen der Interventionen des Preisüberwachers, verschärften die Situation weiter.

Wenn ein Unternehmen wie die Post in wirtschaftliche Probleme gerät, hat es in aller Regel nur drei Möglichkeiten: die Einnahmen zu erhöhen, die Ausgaben zu senken oder jemanden zu finden, der bereit ist, das Loch zu stopfen. Da ist guter Rat teuer. Meiner Meinung nach gibt es nicht einfach die Massnahme, die auf einen Schlag die Probleme löst. Sondern es braucht – wie oft – mehrere Massnahmen gleichzeitig.

Gefordert ist neben der Post selber aber auch die Politik. Sie hat den Brotkorb für die Post recht hoch gehängt. Soll diese die Renditevorstellungen weiterhin erfüllen, so kann sie kaum anders, als den Weg der Schliessung von Poststellen weiterzuverfolgen. Will man das nicht und soll der Service public weiterhin auf hohem Niveau definiert werden, so wird die Politik nicht darum herumkommen, die Vorgaben gegenüber der Post neu festzulegen.

Da kann man noch lange die Geschäftsleitung und den Verwaltungsrat kritisieren, solange die verantwortlichen Instanzen an die heutigen Vorstellungen gebunden sind, bleibt ihnen kein anderer Weg als der vorgesehene. Das wird kein einfaches Unterfangen werden. Letztlich werden einmal mehr die Steuerzahlenden gefordert sein, weil eine Neudefinition des Service public, soweit dies die Post betrifft, nicht zum Nulltarif zu haben sein wird. Tiefere Einnahmen der Bundeskasse verlangen entweder nach zusätzlichen Sparmassnahmen oder nach Kompensationen auf der Einnahmenseite. Beides ist gleichermassen unpopulär und nur schwierig durchsetzbar.

Meiner Meinung nach wird es nicht ohne die Erhöhung gewisser Tarife gehen. Gleichzeitig werden weitere Sparmassnahmen unumgänglich sein. Sollte beides scheitern, ist wohl der Gang nach Canossa – zum Steuerzahler – nicht zu verhindern. Zu hoffen ist allerdings, dass jene, die jetzt am lautesten in den Wald rufen, nicht die sein werden, die zum fraglichen Zeitpunkt alle Sanierungsmassnahmen bekämpfen werden. Oder wenn der Dorfladen schliesst, jene am lautesten klagen, die ihre Einkäufe auswärts tätigen.