«Hast du gesehen? Selbst unsere Gesellschaftsreporterin ist politisch geworden!» Paula reicht mir die Zeitung. Statt der prominenten Besucher einer Ausstellungseröffnung beschreibt sie ihre Reaktion auf ein Aktgemälde von Matisse: «Dieser pink-orange Hautton! Ich kniff die Augen zusammen und ging.» Klare Worte in der Klatschspalte.

Das ist wohl die auffälligste Nachwirkung der Wahl von Donald Trump. Alles ist politisch. Alles, und jeder. Das ist neu.

Die Amerikaner und Amerikanerinnen mögen fast schon aufdringlich offenherzig sein, aber über Politik wurde früher nicht gesprochen. Schon gar nicht mit Fremden. Jetzt gibt es kein anderes Thema mehr. Keine Einladung zum Abendessen, kein Anstehen an der Supermarktkasse, kein Warten auf den Bus ohne politische Diskussionen.

«Um ehrlich zu sein, verstehe ich unser politisches System erst jetzt so richtig», sagt Paula, immerhin Professorin an der Filmhochschule. «Die Wahl hat mich aufgerüttelt.» Mit einem vollen Lehrpensum und einer leichten Behinderung mehr als ausgelastet, steht sie jetzt jeden Tag mindestens eine Stunde früher auf, um Petitionen und Briefe an Abgeordnete zu unterschreiben.

Paula hat Hunderte von Postkarten ans Weisse Haus adressiert und frankiert.
Die Postkarten verteilt sie an ihre Studenten und an jeden, dem Paula unterwegs begegnet. Sie nimmt an jeder Demonstration in der Umgebung teil. Und ist zu Recht stolz auf ihre originellen Schilder. «So habe ich wenigstens das Gefühl,
ich tue etwas.»

Da ist die Film-Professorin nicht allein. Ich kenne niemanden mehr, der nicht an Protestmärschen teilnimmt. Gerade Frauen in meinem Alter, die sich in den letzten Jahren einer trügerischen Sicherheit hingegeben haben. Viele von ihnen dachten, die Zeiten des politischen Engagements mit der Jugend hinter sich gelassen zu haben.

Jetzt sind sie alle wieder da. «Wir sind ganz direkt bedroht», sagt Karen, die gerade eine neue Hüfte eingesetzt bekommen hat und an Krücken geht. «Alles, worauf ich angewiesen bin, ist in Gefahr: meine Krankenversicherung. Der Mahlzeitendienst. Selbst die Pflegerin,
die mich seit der Operation versorgt.»

Die junge Frau geht neben ihr. Sie stellt sich als Julia vor, Karen nennt sie Elena. Hat sie Angst, ihren Namen zu nennen? Sie wollte die Ostertage mit ihrer Familie in Mexiko verbringen, doch sie hatte Angst, dann nicht wieder ins Land gelassen zu werden. «Ich weiss gar nicht, ob ich hierbleiben will», sagt sie. «Der ständige Stress, die Angst ... es ist zu viel.»

Auf dem Arbeitsweg wird Julia öfter angepöbelt. «Geh zurück, wo du herkommst!» Das gab es früher nicht. «Aus meiner Gegend kamen immer viele Feldarbeiter hierher. Jetzt nicht mehr. Das Risiko ist zu gross.»

Früchte des Zorns, wie der Film, Teil 2? Die Auswirkungen dieser Entwicklung sind noch nicht absehbar, aber der «Day Without Immigrants» (der «Tag ohne Einwanderer») Mitte Februar gab schon mal einen kleinen Vorgeschmack auf geschlossene Restaurants und abfallübersäte Strassen.

Daniel, einer von Paulas Studenten, mischt sich ein. Er sei nur hier, um Frauen kennen zu lernen, witzelt er: «Früher war’s das Yogastudio, heute die Demo.»

Dann wird Daniel ernst: «Was mich am meisten aufregt? Seit den Wahlen werde ich ständig von weissen Althippies angehalten und besorgt gefragt, wie ich mich fühle und ob sie mir helfen können.» Daniel ist Amerikaner. Mit olivfarbener Haut, schwarzen Haaren und einem gepflegten Bart. Irgendwo in seinem Stammbaum gibt es einen Perser. Aber das ist lange her.

«Ich bin kein Muslim», sagt Daniel, «ich bin ein Hipster – noch schlimmer.» Der sanfte Kunststudent lacht wieder. Aber er gibt zu, oft Angst zu haben. Seit der Wahl abends nicht mehr allein aus dem Haus zu gehen und nur in Autos zu steigen, die von Frauen gefahren werden. Denn selbst hier, in einer der liberalsten Städte Amerikas, haben gewalttätige Übergriffe gegen Muslime – oder wer für einen Muslim gehalten wird – seit der Wahl spürbar zugenommen. Gegen orthodoxe Juden allerdings auch.

«Jetzt weisst du, wie es uns Frauen geht», sagt Linda. Seit der Wahl wird sie von Albträumen und Panikattacken geplagt.

Die American Psychological Association hat gerade erste Zahlen veröffentlicht und den Begriff PESD, Post-Election Stress Disorder (Nachwahl-Stressstörung), offiziell gemacht. Der Stresslevel der Amerikaner und Amerikanerinnen sei weit höher als selbst während der Wirtschaftskrise. Auf beiden Seiten übrigens. Die politische Lage betrifft jeden.
Selbst die Klatschjournalistin.