Es war ein guter Tag für die Fifa und ein noch besserer für deren Präsident Gianni Infantino. Der Walliser hatte seinen Wahlkampf mit zwei Versprechen verknüpft. Erstens: mehr für die Kleinen. Zweitens: eine saubere Fifa. Und siehe da: Infantino sitzt noch kein Jahr auf dem Fussball-Thron und hat bereits sein erstes Versprechen eingelöst. Die Kleinen bekommen mehr. Geld und neuerdings auch Aufmerksamkeit. Ab 2026 werden neu 48 statt 32 Nationen an der WM teilnehmen. Ausserdem hat Infantino die Zuschüsse an die Mitgliederverbände vervierfacht. Daraus kann man schliessen: Infantino hat seinen Laden im Griff.

Die Kadenz von Infantinos neuen Ideen ist atemberaubend. Neue WM, neue Klub-WM, neuer Wettbewerb für die Frauen. Der Videobeweis, Penaltyschiessen nach einem Unentschieden. Neu, neu, neu. Und man spürt: Infantino liebt das Spiel, den Fussball. Aber liebt er auch die Fifa? Punkto In-House-Reformen ist bislang vieles bei Versprechungen geblieben. Sein Start war in dieser Hinsicht sogar richtig schlecht. Kaum ein Fettnapf ohne Punktlandung. Zugegeben: Corporate Governance ist im Vergleich zu einer WM-Reform staubtrockene Knochenarbeit. Nicht sexy zwar, aber für die Fifa unabdingbar. Und je schneller Infantino den Fussball erneuert, desto stärker lastet der Druck auf ihm, die Fifa subito in eine saubere Institution zu verwandeln.

Was steckt hinter Infantinos neustem Coup, der 48er-WM? Wirtschaftliche, aber auch egoistische Motive. Denn Infantino hat nach seiner Wahl am 26. Februar 2016 nochmals eindrücklich betont, dass er die WM aufstocken werde. Er braucht also diese 48er-WM, um sein Gesicht zu wahren, seine Macht zu zementieren. Aber er braucht sie nicht, um seine Wiederwahl zu sichern. Das macht er allein mit der massiven Erhöhung der Entwicklungsgelder.

Apropos Geld: Mit der 48er-WM fliesst noch mehr in die Kasse. Gegen 1 Milliarde Dollar, so Experten, kann die Fifa ihre Einnahmen allein durch die Aufstockung steigern. Schliesslich kann ein noch grösseres Publikum erreicht werden, wodurch der Weltfussballverband mehr Sponsoren- und TV-Gelder generieren kann.

Es ist in Ordnung, wenn Infantino mit seiner 48er-WM Träume verkauft. Denn die WM ist alle vier Jahre ein globales Happening, das in den Ländern der teilnehmenden Nationen bisweilen gar zur ekstatischen Party wird. Stossend an der ganzen Geschichte ist indes, dass Infantino seiner 48er WM eine übersteigerte Bedeutung zumisst. Er verkauft sie schon fast als weltverbesserndes Instrument. Eine Attitüde, die an seinen Vorgänger Sepp Blatter erinnert. Die neue WM sei wichtig für die Entwicklung des Fussballs, eine WM-Teilnahme sei das wichtigste Promotion-Tool, proklamiert Infantino. Das stimmt so nicht. China war 2002 erstmals dabei und seither nie mehr.

Mit der Aufstockung will man die wachstumsstarken Märkte in Asien noch stärker einbinden. Ginge es nach der Fifa, wären China und Indien wohl WM-Stammgäste. Wie das Beispiel China zeigt, garantiert eine WM-Teilnahme keinen fussballerischen Fortschritt. Die Entwicklung muss von innen heraus geschehen und kann von der Fifa nur bedingt beschleunigt werden. Sicher nicht durch eine Aufstockung der WM auf 48 Teams. China beispielsweise liegt auf Position 82 der Weltrangliste, einen Rang hinter Saint Kitts and Nevis, einem Karibik-Staat mit 54 000 Einwohnern. Indien gar auf Rang 135.

Von der Aufstockung profitieren die Asiaten und Afrikaner wohl am stärksten. Was bedeutet: Das Teilnehmerfeld wird mit Statisten aufgefüllt. Schliesslich hat mit Südkorea an der Heim-WM 2002 erst ein Team aus einem dieser beiden Kontinente einen Halbfinal erreicht. Doch Statisten brauchen das Statussymbol WM, um die Hauptrolle zu spielen. Das Niveau wird durch die Aufstockung sicher nicht angehoben. Das haben wir bei der auf 24 Teams aufgeblähten EM erlebt. Aber das Niveau ist nicht nur eine Frage der Aufstockung, sondern auch eine Frage des Termins. Cristiano Ronaldo beispielsweise war sowohl im Champions-League-Final als auch in einigen EM-Spielen platt. Erst, wenn die WM nicht mehr am Ende einer kräfteraubenden Saison stattfindet, können die Stars unsere Erwartungen erfüllen. In diesem Sinn freue ich mich schon jetzt auf die Winter-WM 2022 in Katar – notabene der letzten mit 32 Teilnehmern.