Leitartikel

Nein zum AHV-Experiment

Die heutigen Pensionierten beziehen ihre Renten aus AHV und Pensionskasse teilweise auf Pump. (Symbolbild)

Die heutigen Pensionierten beziehen ihre Renten aus AHV und Pensionskasse teilweise auf Pump. (Symbolbild)

Was die AHV jährlich leistet, grenzt an ein kleines Wunder: Seit 1948 zahlen Arbeitgeber und Arbeitnehmer über ihre Löhne Geld in den AHV-Fonds ein, aus dem wiederum die Renten an alle über 65-Jährigen verteilt werden. Die Finanzierung konnte bisher mit relativ simplen Kniffs immer aufs Neue gesichert werden.

Doch das System stösst an seine Grenzen. In den letzten siebzig Jahren ist nicht nur die Höhe der AHV-Minimalrente von 40 Franken auf 1175 Franken pro Monat gestiegen, auch die Zahl der Bezüger verzehnfachte sich von 217 000 auf 2,2 Millionen. Letztes Jahr wurden Renten in der Höhe von 41,3 Milliarden Franken ausbezahlt. Nächstes Jahr werden es mehr sein. Tendenz: Stark steigend.

Rentenerhöhung ginge an den Ärmsten vorbei 

Grund dafür sind die geburtenreichen Jahrgänge (Babyboomer), die nun fortlaufend in Rente gehen. Sowie die steigende Lebenserwartung: Über 65-Jährige sind so fit wie nie. Gleichzeitig stagniert die Geburtenziffer seit Jahren. 2017 treten mehr Personen in Rente als neu in den Arbeitsmarkt ein. Das Missverhältnis wächst. Immer weniger aktive Erwerbstätige müssen für eine zunehmende Zahl an Altersrenten aufkommen.

Das wirkt sich auf die Finanzen aus: Seit zwei Jahren können die Einnahmen über Lohnbeiträge die ausbezahlten Renten nicht mehr decken. 2015 schrieb die AHV 579 Millionen Franken Verlust. Das Defizit wächst. Bis 2030 rechnet der Bundesrat mit sieben bis acht Milliarden Verlust — pro Jahr! Um diese Finanzierungslücke abzuwenden, hat er eine umfassende Reform entworfen. Sein Ziel: Die Renten für die Zukunft sichern.

Alleine schon dieses Ziel veranschaulicht, wie quer die allgemeine Erhöhung der AHV-Renten um zehn Prozent in der Landschaft steht. Aktuell dreht sich die Debatte um die Frage, wie Rentenkürzungen zu vermeiden sind. Dazu stehen durchweg unliebsame Massnahmen an: höhere Mehrwertsteuern, höhere Lohnabgaben, höheres Rentenalter. Wer in dieser Situation eine pauschale Rentenerhöhung für alle Bezüger — arm und reich — fordert, scheint den Ernst der Lage zu verkennen.

Das absurde an der Situation: Der überwältigenden Mehrheit der Rentnerinnen und Rentner geht es finanziell so gut wie nie zuvor. Trotzdem sind längst nicht alle auf Rosen gebettet, nicht alle konnten sich in der 2. und 3. Säule ein grosses Polster ansparen. Fast jeder achte AHV-Bezüger ist auf Ergänzungsleistungen (EL) angewiesen. Das ist bedauerlich. Die Situation könnte über eine zehn Prozent höhere AHV-Rente aber nur vermeintlich entschärft werden. Tatsächlich mehr Geld in der Tasche hätten dann nicht die Ärmsten, sondern alle anderen. Durch die höhere Rente würde der EL-Anspruch wegfallen.

Kein Generationenstreit, aber Generationengerechtigkeit

Trotz zweifelhafter Wirksamkeit wäre der Wechsel teuer! Über 4 Milliarden Franken kostet die Umsetzung der AHVplus-Initiative ab 2018. Bis 2030 würde die AHV einen jährlichen Verlust von 12 bis 13 Milliarden Franken schreiben. Wie dieser Scherbenhaufen verhindert werden soll? Die ursprüngliche Idee der Initianten, die Ausgaben über höhere Erbschaftssteuern zu decken, hat das Volk vor einem Jahr klar verworfen. Das bedeutet, die Erwerbsbevölkerung müsste die Kosten schultern. Jener Teil der Bevölkerung also, der bereits angesichts der demographischen Entwicklung viel mehr aufwenden muss als die Generationen vor ihm. 

Schnell ist angesichts dieser Feststellung der Vorwurf zur Hand, die Generationen würden gegeneinander ausgespielt. Nein. Niemand will jenen etwas wegnehmen, die ein Leben lang in die AHV eingezahlt haben. Deren Anspruch auf Leistungen ist völlig unbestritten. Nur: Die heutigen Pensionierten beziehen ihre Renten aus AHV und Pensionskasse teilweise auf Pump. Das geht einfach nicht. Denn auch die heutigen und künftigen erwerbstätigen Generationen müssen die Gewissheit haben, dass die Lohnabgaben – mehrere hundert Franken im Monat – für sie nicht einfach verloren sind. Lassen wir also die Finger von Experimenten, die wir nicht finanzieren können. Die zehn-prozentige Erhöhung Rente wäre ein kurzsichtiges Geschenk an die heutigen Rentner – darunter viele, die den Zustupf gar nicht nötig haben. Sichern wir die Renten lieber auch für die Zukunft.

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Autor

Anna Wanner

Anna Wanner

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