Fall Fricker

Nazi-Vergleiche können nie richtig sein

Im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau kamen Hunderttausende Menschen ums Leben.

Im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau kamen Hunderttausende Menschen ums Leben.

Das Phänomen hat einen Namen, und es wurde diese Woche erneut bestätigt: «Godwins Gesetz» besagt, dass in jeder kontroversen Diskussion, wenn sie nur lange genug geführt wird, jemand einen Nazi- oder Hitler-Vergleich anstellt.

Das Gesetz ist nach dem amerikanischen Rechtsanwalt und Buchautor Mike Godwin benannt. Er beobachtete das Phänomen in den 1990er-Jahren und bezog es ursprünglich auf die Gesprächskultur im Internet, die sich damals zu bilden begann. Die Kommentarspalten auf den Newsportalen beweisen Tag für Tag, wie schnell Debatten entgleisen können und dann eben, als Tiefpunkt, jemand zur Nazi-Keule greift.

«Godwins Gesetz» gilt auch ausserhalb des virtuellen Raums. Weil türkischen Propagandisten vor den Wahlen Auftritte in Deutschland untersagt wurden, warf Präsident Recep Tayyip Erdogan im April der Bundeskanzlerin Angela Merkel «Nazi-Methoden» vor. Er sagte: «Wenn sie sich nicht schämen würden, dann würden sie die Gaskammern und Konzentrationslager von Neuem auf die Tagesordnung setzen.» Auch in der Euro-Krise wurde Merkel von griechischen Medien und auf Transparenten von Demonstranten mit Hitler verglichen, weil sie Griechenland keine Schulden erlassen wollte.

Seit dem vergangenen Wochenende sind Vergleiche der Alternative für Deutschland (AfD) mit den Nationalsozialisten en vogue. Die Rechtspartei hat bei den Bundestagswahlen fast 13 Prozent geholt.

Kein Geringerer als Aussenminister Sigmar Gabriel, ein Sozialdemokrat, sagte, wenn die AfD in den Bundestag einziehe, dann werde dort «erstmals seit 70 Jahren wieder mit Nazis diskutiert».

Jonas Frickers Votum im Nationalrat zur Fair-Food-Initiative, 28.9.2017

Jonas Frickers Votum im Nationalrat zur Fair-Food-Initiative.

AfD-Wählern fehlt eine grosse Partei, die konservativ ist

All diese Vergleiche sind Stumpfsinn. Dass die Hitler-Analogien aus der Türkei und Griechenland an die Adresse Merkels absurd sind, bedarf keiner weiteren Ausführung. Bei der innerdeutschen Auseinandersetzung über die AfD ist die Sache komplexer. Die Partei zieht, wie andere neue Bewegungen, auch Spinner und Extremisten an. Doch die AfD deswegen pauschal in die Nazi-Ecke zu stellen, wie das Sigmar Gabriel und auch einige Zeitungskommentatoren taten, ist falsch.

Der Parteienforscher Timo Lochocki kam zum Schluss: «Der überwiegende Teil der AfD-Wähler sind demokratische, enttäuschte Wähler, die vorher entweder gar nicht wählen gegangen sind oder irgendeine der grossen Parteien gewählt haben, denen jetzt aber das konservative Profil fehlt.» Wenn man nun diesen Bürgern vorwerfe, dass sie «Nazis» gewählt hätten, dann tue man ihnen nicht nur Unrecht, sondern man verstärke den Opferstatus, den die AfD kultiviere: Die Partei lebt ja von der Behauptung, sie werde ausgegrenzt und das Establishment wolle die Sorgen ihrer Wähler nicht wahrhaben. Wenn Vertreter grosser Parteien die Nazi-Keule schwingen, dann bestätigen sie genau das.

Auch manche Medien erliegen der Godwin’schen Logik. Seit Donald Trump US-Präsident ist, vergeht kaum eine Woche ohne Hitler-Vergleich. Kürzlich zeigte das deutsche Magazin «Stern»
auf der Titelseite eine Fotomontage mit Trump, der den Hitlergruss macht. Darunter die Schlagzeile: «Sein Kampf».

Geschichtsblinde Verharmlosung von Gräueltaten

Im Jahr 2017 müsste es sich, zumindest unter Politikern und Journalisten, herumgesprochen haben, dass solche Vergleiche nie passend sein können und dass sie letztlich nur eines bewirken: Die Verharmlosung der Gräueltaten der Nationalsozialisten. Trotzdem wird die Liste derjenigen immer länger, die – sei es aus Geschichtsblindheit, Naivität oder Dummheit – glauben, sich mit einer solchen Analogie Aufmerksamkeit verschaffen zu müssen.
Das jüngste Beispiel kommt aus dem Bundeshaus. Der grüne Aargauer Nationalrat Jonas Fricker zog während der Debatte um die Fair-Food-Initiative einen Vergleich zwischen Schweinetransporten und der Deportation von Juden nach Auschwitz. Als er das letzte Mal eine Dokumentation über solche Tiertransporte gesehen habe, «sind mir unweigerlich
die Bilder der Massendeportation nach Auschwitz aus dem Film ‹Schindlers Liste› hochgekommen», sagte er. Und weiter: «Die Menschen, die dort deportiert wurden, die hatten wenigstens eine kleine Chance zu überleben. Die Schweine, die fahren in den sicheren Tod.»

Fricker hat sich für seine Entgleisung entschuldigt. Doch man fragt sich: Wie kommt ein intelligenter 40-jähriger ausgebildeter Sekundarlehrer zu einer solchen Aussage, die nicht einmal spontan fiel, sondern vorbereitet war?

Nichts lässt sich vergleichen mit der systematischen Entrechtung und Ermordung von sechs Millionen Juden und von Millionen weiterer unschuldiger Menschen durch die Nazis. Wann lernen das all die Politiker in Baden, Berlin und Ankara?

Jonas Fricker entschuldigt sich.

Jonas Fricker entschuldigt sich.

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