Heute fehlt er. Stephan Lichtsteiner. Captain des Schweizer Nationalteams, aber auch Reizfigur. Ein Mann, dessen Blick töten könnte. Ob Schiedsrichter, Mitspieler oder Trainer – niemand kann sich seinem Bann entziehen. Lichtsteiner ist ein Phänomen. Als Fussballer, als Mensch. Wer seine Körpersprache auf dem Feld betrachtet, der fragt sich: Ist er enerviert, wütend gar? Oder doch einfach nur: ein Fussballer durchtränkt mit dem Willen zum Sieg?

Während eines ganzen Jahrzehnts war Lichtsteiner die Konstante auf der rechten Abwehrseite. Er hat schon an der Heim-EM 2008 gespielt. Er hat die Weltmeisterschaften 2010, 2014 und 2018 mitgeprägt. Er hatte sowohl bei Köbi Kuhn, Ottmar Hitzfeld als auch Vladimir Petkovic stets eine wichtige Rolle inne. Er hat gerne leidenschaftlich diskutiert, debattiert – und auch unangenehme Dinge angesprochen. Zum Beispiel dies: Dass die Schweiz aufpassen müsse, wie sie mit ihren Identifikationsfiguren umgeht, weil es nicht mehr so viele davon gebe. Es war im März 2015.

Die Kommunikationsprobleme

Gut dreieinhalb Jahre sind vergangen. Und jetzt, wenn die Schweiz heute Abend mit dem Spiel in Belgien vor einer der derzeit grössten Herausforderungen im Weltfussball steht, ist Lichtsteiner nicht dabei. Nationaltrainer Vladimir Petkovic hat den Herbst zur Zeit der Experimente erklärt. Er will herausfinden, ob die Schweiz wirklich schon über einige junge Spieler verfügt, die das Nationalteam entscheidend weiterentwickeln können. Oder, ob er doch noch einmal auf die alte Garde setzen soll. Darum ist Lichtsteiner für die Spiele gegen Belgien und Island nicht aufgeboten. Es bringt uns zur entscheidenden Frage: Wie soll ein Nationaltrainer damit umgehen, wenn er seine Galionsfiguren schleichend in Rente schicken möchte?

Vladimir Petkovic hat viele Qualitäten. Er spürt den Fussball. Seit seinem Amtsantritt 2014 hat er es hingekriegt, das Team von Ottmar Hitzfeld sanft weiterzuentwickeln. Wir sehen heute eine Nati, die auch in Spielen wie gegen Brasilien oder Spanien oder England nicht in Ehrfurcht erstarrt. Zudem hatte die Schweiz noch nie derart wenige Probleme gegen kleinere Fussballnationen. Das ist auch Petkovic zu verdanken. indes aber kann man gewiss niemand behaupten: Dass Petkovic ein guter Kommunikator ist. Das hat nicht nur damit zu tun, dass er sich auf Deutsch nicht perfekt ausdrücken kann. Genauso wie Petkovic den Fussball spürt, fehlt ihm das Bewusstsein für die richtigen Worte zum richtigen Zeitpunkt. Damit stellt er sich immer wieder selbst Fallen. Während der Krise im Sommer war er nicht präsent. Ob rund um die Doppeladler- oder Doppelbürgerdiskussion, niemand wusste, was der Nationaltrainer darüber denkt. Auch nach dem WM-Aus blieb Petkovic stumm.

Wie gelingt der verdiente Abschied?

Am meisten geschadet hat ihm aber die Geschichte rund um den überstürzten Rücktritt von Valon Behrami. Petkovic gelang es nicht, seine Pläne des Experimentierens so zu vermitteln, dass sie Behrami begriff. Ob Behramis Zeit im Nationalteam, auch aufgrund vieler Verletzungen, nicht ohnehin bald abgelaufen wäre, sei einmal dahingestellt. Doch die Moderation über das nahende Ende im Nationalteam eines sehr verdienten Spielers ist ziemlich missglückt.

Im besten Fall war das für Petkovic eine Warnung zum richtigen Zeitpunkt. Erneute Nebengeräusche kann er sich nicht leisten. Lichtsteiner ist eine Institution des Schweizer Fussballs. Sein Weg beeindruckt noch heute. Er, der Arbeiter, der weniger Talent hatte als viele andere, aber dies mit seinem unvergleichlichen Willen mühelos wettmachte, hat eine Karriere gemacht, die ihm nicht mancher zugetraut hätte. GC, Lille, Lazio Rom, Juventus Turin – sieben Meistertitel in Folge gewann er mit den Italienern. Und auch jetzt, mit 34 Jahren scheut er sich nicht, bei Arsenal noch einmal eine grosse Herausforderung anzunehmen. Und auch im Nationalteam scheut er die Konkurrenz nicht.

Die Frage, wie unverzichtbar Lichtsteiner wirklich ist, umtreibt die Fussball-Schweiz schon lange. Zwischen baldigem Abschied und letztem Hurra scheint alles möglich. Klar ist indes: Wie auch immer die Zukunft aussieht, Lichtsteiner hat es verdient, dass Petkovic frühzeitig in aller Offenheit kommuniziert, welche Pläne er für seinen Captain hat.