Polemik

Nächstenliebe mit Potenzial

Wenn sich der Sitznachbar am Handy stört. (Symbolbild)

Wenn sich der Sitznachbar am Handy stört. (Symbolbild)

Neulich übte ich mich in weihnächtlicher Nächstenliebe. Es war Mittag, der Bus nicht voll, dafür ich: Laptop, Bücher, Einkäufe tummelten sich in meinen Taschen. Ich breitete sie auf meinem Zweiersitz aus – Plätze gab es genug. Da setzte sich ein Mann neben mich. Er zückte ein Buch von Balzac – und Menschen, die Balzac lesen, schliesse ich stets ein wenig ins Herz. Nur: Als ich anfing, eine SMS zu tippen, teilte mir der Mann mit, ich solle dieses Gerät wegtun, es störe ihn. Nach einem gescheiterten Versuch, ihn freundlich auf die vielen freien Plätze aufmerksam zu machen – und den Umstand, dass ich vor ihm dagesessen sei – bemängelte er nun, dass mein Gepäck auf seine Sitzfläche hinüberlappe.

Ich weiss nicht, was für ein Weihnachtsgeist mich ritt. Doch ich erklärte ihm, ich würde mir einen anderen Platz suchen um ihn nicht mehr mit der Strahlung zu molestieren. Gesagt, getan. Nun sah ich mich wohl in die Gefilde höchster Erhabenheit versetzt? Irrtum. In mir brodelte es. Und brodelte. Erst als eine Passantin ausrief, der Mann spinne ja, ging es meinen Rachegeistern besser. Meine Nächstenliebe hat offenbar noch eine kleine Betriebsstörung. Wie gut, dass der Advent erst begonnen hat – da kann ich noch etwas üben.

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