Pro und Kontra

Nadal ist draussen: Jetzt gewinnt Roger Federer zum 8. Mal Wimbledon – oder doch nicht?

Die Mutter aller Niederlagen für Roger Federer: Der Wimbledon-Final von 2008 gegen Rafael Nadal.

Die Mutter aller Niederlagen für Roger Federer: Der Wimbledon-Final von 2008 gegen Rafael Nadal.

«Roger Federer gewinnt nach dem Out von Rafael Nadal seinen achten Wimbledon-Titel», behauptet Sportredaktor Marcel Kuchta. «Nicht so schnell!», kontert Tennis-Experte Simon Häring. «Der Druck wird für Federer nun umso grösser.»

PRO von Marcel Kuchta, Sportredaktor

«Der Psycho-Faktor ist weg für Federer»

Der Mann war unheimlich. Rafael Nadal spazierte in diesem Jahr wie ein Monster durch die Sandplatz-Saison. Ein Turniersieg nach dem anderen, dabei kaum einmal ein Satzverlust. Und in Wimbledon ging es zunächst im selben Stil weiter. Wer sollte diesen Mann bremsen? Sicher nicht Roger, dachte ich mir. Selbst wenn er auf Rasen grundsätzlich der bessere Spieler ist als der Spanier, so kommt bei diesen Duellen immer wieder der Psycho-Faktor zum Tragen.

Psycho-Faktor? Zur Erinnerung: Roger Federer erlebte 2008 die Mutter aller Niederlagen in seiner Karriere in seinem "Wohnzimmer" – dem Centre Court in Wimbledon – gegen Rafael Nadal. 7:9 im fünften Satz. Schlimmer und dramatischer geht es nicht. Er weinte damals bittere Tränen der Enttäuschung. Ausgerechnet der Spieler, der ihn x-mal in dessen eigenem Wohnzimmer – den Court Philippe Chatrier in Paris – vorgeführt hatte, besiegte Federer an seinem Lieblingsturnier – die Höchststrafe! 

Deshalb ist es für Roger Federer Gold wert, dass Rafael Nadal in Wimbledon im Achtelfinal am gross aufspielenden Luxemburger Gilles Muller gescheitert ist. Der Trauma-Gegner ist weg. Jetzt ist der Weg frei zum 19. Grand-Slam-Sieg, zum achten Triumph in seinem Wohnzimmer. Klar: mit Andy Murray, Novak Djokovic und seinem Vorjahresbezwinger Milos Raonic stehen noch hohe Hürden im Weg. Aber gegen keinen dieser Kontrahenten spielt der Psycho-Faktor bei Federer eine massgebliche Rolle. Wenn er auf demselben, hohen Niveau wie bisher sein Rasentennis zelebriert, wird der Baselbieter unbezwingbar sein. Deshalb: Danke Mr. Muller!

CONTRA von Simon Häring, Sportredaktor

«Der Druck ist grösser für Federer»

Zielstrebig, fokussiert, darauf bedacht, möglichst wenig Zeit und Energie zu verschwenden. Seinem Ziel, dem Gewinn der achten Wimbledon-Krone, ordnet Roger Federer in Wimbledon alles unter. Familienzeit ist rar, Erholung wichtig, zumal ihn in der ersten Woche ein Schnupfen beschäftigt. Federer hat sich mit dem Verzicht auf die Sandsaison und dem Gewinn der drei grössten Turniere, die er in diesem Jahr bestritten hat, in die Favoritenrolle gespielt, die mit Druck verbunden ist.

Nun mag man zu Recht einwenden, für einen 18-facher Grand-Slam-Sieger, der knapp sechs Jahre an der Spitze der Weltrangliste verbrachte, sei das die Rolle des Lebens. Und doch: Federer wird im August 36. Er hat mehr auf Rasen trainiert und gespielt als seine Konkurrenten. Bei Andy Murray und Novak Djokovic bestehen ohnehin Fragezeichen. Einzig Rafael Nadal, sein ewiger Rivale, befand sich in Topform, hatte er doch vor einem Monat zum zehnten Mal die French Open gewonnen.

Nadal scheidet gegen Gilles Muller aus:

Gilles Muller v Rafael Nadal highlights - Wimbledon 2017 fourth round

Die Highlights des Spiels zwischen Gilles Muller und Rafael Nadal, Wimbledon, Achtelfinal.

Durch die ersten Runde stürmte der Mallorquiner ohne Satzverlust und machte dabei den Eindruck eines Mannes mit einer Mission. Das liess Federer zu folgender Aussage hinreissen: "Ich glaube nicht, dass Murray in den Final kommt. Nadal wird es schaffen." Nun ist Nadal bereits draussen und die Frage nach dem Favoriten noch schneller und noch eindeutiger beantwortet: Federer, der Mann, der ohne Satzverlust in den Viertelfinals steht.

Vergessen geht dabei, dass Nadal für ihn wegen seiner Spielweise zwar immer eine der grössten Herausforderungen sein wird, auf Rasen aber schon seit Jahren keine Stricke mehr zerrissen hat. Seit 2011 hat er in Wimbledon noch acht Spiele gewonnen. Seine Bezwinger tragen Namen wie Lukas Rosol, Steve Darcis, Dustin Brown, ein damals blutjunger Nick Kyrgios oder nun Gilles Muller. Keine Überflieger.

Nadal galt nie zur ersten Gilde der Anwärter auf den Sieg und wäre erst im Final auf Federer getroffen. Milos Raonic, Marin Cilic, Novak Djokovic und Andy Murray hingegen schon. Doch sie alle sind für Federer, zumal in dieser Verfassung, schlagbar. Auch der Baselbieter weiss: Bleibe ich gesund, kann ich mich nur noch selber schlagen. Was den Druck nur noch grösser macht. 

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