Kolumne

Nachtrag zum Weltfrauentag: Über die unterschiedlichen Auffassungen von Feminismus

Gülsha Adilji ist Social-Media-Star, Moderatorin und D-Promi. Aufgewachsen ist sie in Uzwil SG. In ihrer Kolumne schreibt sie heute über die über die unterschiedlichen Auffassungen von Feminismus.

Wir müssen noch mal über Feminismus reden. Verdrehen Sie jetzt bitte nicht die Augen, ich habe extra noch ein paar Katzenbabys eingebaut.

Also: In meiner Bubble – bzw. Echokammer, wie man in seriösen Zeitungen sagt – sind alle Feministen und Feministinnen. Punkt. Wir sind es gerne und wir zelebrieren es mit Stolz. Das «Sternli-innen» lassen wir verspielt wie eine Babykatze auf einer Sommerwiese in unsere WhatsApp-Nachrichten fliessen und benutzen sie auch im Gesprochenen. Unsere Augenbrauenentgleisen ob Sylvie Meiss’ Dessous-Model-Sendung und beim «Bachelor» stellt es uns allen die Zehenhaare gen Himmel. In meinem Freundeskreis sind wir uns alle einig: Antifeminist*innen sind wie Earpods – absolut unsexy, lächerlich, und das braucht 2019 wirklich niemand.

Es gibt mehrere Feminismen

Damit wir alle über denselben Feminismus sprechen, möchte ich kurz erklären, welchen ich meine. Ganz zärtlich und unaufdringlich möchte ich dies tun, so wie die Pfote einer weissen Baby-Katze auf dem Oberschenkel. Es gibt ja mehrere Feminismen, genauso wie es verschiedene Stühle und Stuhl-Sorten gibt. Sie heissen alle «Stuhl», aber Stuhl ist halt nicht gleich Stuhl. Da sind die edlen mit einem roten Samtüberzug oder solche aus Kirschholz oder die, die in Büros immer vom Platz geklaut und verstellt werden. (Gian Luca, ich weiss, dass Du das bist!)

Beim Begriff Feminismus verhält es sich recht ähnlich: Es gibt ganz unterschiedliche Ideen und Ansichten, was denn Feminismus sei. Wenn ich von Feminismus spreche, meine ich damit schlichtweg, dass alle Geschlechter die gleichen Rechte haben müssen. Niemand sollte aufgrund seines Geschlechts oder seiner sexuellen Orientierung Nachteile haben, denn wir alle landeten ohne aktives Zutun in diesem Körper, und niemand darf wegen eines Zufalls diskriminiert werden.

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Mein Feminismus ist sozusagen die Hauskatze unter den Katzen und der unspektakulärste Stuhl unter den Stühlen. Kurz: Ich verwende Feminismus als Synonym für Humanismus. Da wir ja nicht entscheiden können, in welches Geschlecht wir hineingeboren werden, ist doch wirklich für alle nachvollziehbar, dass man aus Ungleichheit keine Ungerechtigkeit machen darf. Es ist mir daher mehr als unverständlich, dass Leute immer mal wieder komplett ausrasten, wenn sie auch nur einen Hauch von Feminismus in einer Aussage zu erahnen scheinen.

Für diese Internet-Trolle sind Feminist*innen der Feind*in und «dieser piiiiiiiiiip muss man es einfach wieder mal so richtig bes….», you know what I mean. Das heisst, wir würden alle gut daran tun, uns in unserer Bubble, ich meine Echokammer, einfach mal ganz allgemein über den Begriff zu unterhalten und uns einig zu werden. Es ist verwirrend, dass der Ausdruck die einen die Faust in die Luft halten lässt und ein anderer Teil ihn als eine degradierende Beleidigung und Feministin als Synonym für verbohrt, unattraktiv und underfucked nutzt. Letzteres geschieht aus Angst, weil Feminismus manchmal mit Dingen wie «all men are trash» gleichgesetzt wird. Das ist nicht Feminismus, wie ich ihn verstehe: Feminismus bedeutet das Einstehen für ALLE und nicht den Kampf GEGEN Männer.

Sexismus ist immer noch Realität

Sexismus und ungleiche Behandlung aufgrund von sexueller Orientierung sind leider immer noch Realität und strukturell verankert. So sind bei weitem nicht genügend Frauen in der Politik vertreten, und Männer erhalten gerade mal zwei lächerliche Tage Vaterschaftsurlaub. Fast schlimmer sind aber die kleinen Unsachlichkeiten, die uns nicht wirklich auffallen. Beispielsweise machen wir Frauen uns gegenseitig immer noch viel zu häufig Komplimente über unser Aussehen, statt Errungenschaften oder positive Charakterzüge ins Zentrum zu stellen. Wenn jemand abgenommen hat, tun wir so enthusiastisch, als hätte unsere Katze ihr Geschirr selber abgewaschen. Wir fungieren so unabsichtlich als Alliierte des Patriarchats und werden zu Botschafterinnen eines Schönheitsideals, das in Selbsthass gründet. Wir unterwerfen uns mit solch’ kleinen Komplimenten einem Schlankheitsdiktat, das fernab steht von einem natürlichen und gesunden Körperbild.

Um es mit den Worten von Naomi Woolf zu sagen: Wer Hunger hat, ist nicht leistungsfähig und verlangt entsprechend auch keinen seat at the table! So, und jetzt haben Sie sich aber ein Katzenvideo und einen Teller Pasta verdient. Adiä.

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