Das letzte Heimspiel der Saison: Der Moment für die FCA-Verantwortlichen, auf die vergangenen Monate anzustossen und optimistisch nach vorne zu blicken? Weit gefehlt! Statt versöhnlichem Abschluss steht die Führung vor einem Scherbenhaufen.

Nicht, was die Finanzen betrifft – in dieser Hinsicht wurde erneut saubere Arbeit geleistet. Die Löhne kommen immer pünktlich, zum zweiten Mal in Folge wird an der GV am 12. Juni ein Gewinn präsentiert.

Die Gönnervereinigungen erfreuen sich regen Zulaufs, mit KIA Motors wurde ein attraktiver Hauptsponsor gefunden. Und ohne die Finanzspritzen einiger Vorstandsmitglieder gäbe es den FC Aarau in dieser Form vielleicht gar nicht mehr. Das alles verdient Lob.

Vom Traditionsklub zur Lachnummer

Doch über dem Brügglifeld hängen auch dunkle Wolken. Genauer gesagt über der Abteilung Sport. Die Art und Weise, wie diese geführt wird, steht im krassen Gegensatz zur tollen Arbeit an der Finanzfront.

Das vergangene Halbjahr sorgte zwar für viel Unterhaltung. Doch was punkto Trainersuche, Kommunikation und Zusammenstellung der Mannschaft zuletzt ablief, ist ein grosses Debakel und stimmt jeden FCA-Sympathisanten traurig. Noch schlimmer: Im Rest der Schweiz ist der einst so stolze und geachtete Traditionsklub vom Brügglifeld zur Lachnummer verkommen.

Der Gipfel der Missstände ist das, was mit Cheftrainer Marco Schällibaum passiert. Im April hat man den Vertrag mit ihm nur verlängert, nachdem die Wunschkandidaten Giorgio Contini und Jeff Saibene abgesagt hatten. Und man hat mit ihm verlängert, obwohl der sportliche Trend schon damals nach unten zeigte.

Das Ende mit Schällibaum war absehbar

Gleichzeitig bekam Schällibaum das Messer an den Hals gesetzt, indem es hiess: Startest du nicht gut in die neue Saison, bist du schnell weg. Man musste kein Experte sein, um schon damals zu wissen: Schällibaums Autorität gegenüber den Spielern ist kaputt.

Dass es nun ziemlich sicher schon jetzt zur Trennung kommt, ist keine Überraschung und kostet den FC Aarau unnötigerweise eine Stange Geld. Dass erneut Namen von potenziellen Nachfolgern die Runde machen, passt ins Bild.

Schällibaum hat viele Fehler gemacht, er hätte – ausser aus finanziellen Gründen – das Angebot zur Vertragsverlängerung unter den gegebenen Voraussetzungen gar nicht erst annehmen dürfen. Doch zu meinen, allein mit einem Trainerwechsel komme nun alles gut, wäre ein Fehler. Dies wäre nur ein weiterer Akt von Pflästerlipolitik. Die Position des Cheftrainers ist längst nicht die einzige Baustelle.

Ein Strukturwandel ist angesagt

Ein weiteres Alarmzeichen: Im letzten Halbjahr haben vier wichtige Figuren aus dem Staff der Profimannschaft und Nachwuchsleiter Sascha Stauch den FC Aarau verlassen. Die Summe der Abgänge in diesem kurzen Zeitraum ist kein Zufall und lässt aufhorchen.

Sie ist das Resultat von Planlosigkeit und mangelndem Fingerspitzengefühl. Die scheidenden Mitarbeiter sehen ganz einfach keine Perspektiven, die einen Verbleib schmackhaft machen.

Wie weiter? Es braucht einen Strukturwandel: FC Aarau, werde endlich erwachsen! Wie die Sportabteilung aufgestellt ist, entspricht nicht mehr den Anforderungen an einen ambitionierten Profiklub.

Fehlende Fussballkompetenz im Verwaltungsrat

Die Führung besteht aus erfolgreichen Unternehmern, denen das Wohl des FCA zweifellos am Herzen liegt. Ihre Absichten sind gut. Doch stimmt es auch punkto Zeitaufwand und Sachverstand?

Aus beruflichen Gründen können die Verantwortlichen gar nicht die Zeit aufwenden, die es braucht, um auf diesem Niveau operativ tätig zu sein. Geballte Fussballkompetenz sucht man im Verwaltungsrat vergeblich. Es fehlt die Nähe zur Mannschaft und das Feingespür für die vielen Alltagsproblemchen.

Der FC Aarau wirkt von aussen führungslos. Aufgezeigt hat dies auf eklatante Art und Weise der Kleinkrieg zwischen Trainer Schällibaum und Sportchef Raimondo Ponte. Dass die beiden nicht miteinander können, ist schon lange klar.

Fehlt ein bezahlter Präsident?

Statt zusammen arbeiten sie gegeneinander. Eine Hierarchie, also Sportchef über Trainer, gibt es faktisch nicht. Doch statt einzugreifen, wurde von oben zu lange zugeschaut – nun ist der Streit zwischen Schällibaum und Ponte eskaliert.

Eine Lösung wäre die Installation einer starken Persönlichkeit. Ein mit der Materie vertrautes Zugpferd, das seine Energie zu 100 Prozent für den FC Aarau einsetzt. Das kann ein bezahlter Präsident sein wie in Luzern, St. Gallen und Basel oder ein CEO wie in Bern.

Entscheidend ist, dass diese Person auch die operative Führung in der Abteilung Sport innehat. Die primäre Aufgabe ist es, ein Konzept zu erarbeiten und mit diesem dem FCA wieder eine Identität zu verleihen. Dazu braucht es ein sportliches Leitbild.

Vorbild FC Winterthur

Für was steht der FC Aarau? Wohin soll die Reise gehen? Welche Strategie steht hinter den Transfers? Weil es keine Antworten auf diese Fragen gibt, haben zuletzt prominente und vielversprechende Spieler und Trainer dem FC Aarau abgesagt. Ändert sich nichts, muss sich der FCA je länger, je mehr von Fallobst ernähren.

Was man sich auch fragt: Wo ist die Kreativität, den FC Aarau dem Volk näher zu bringen, den Klub in der Stadt präsenter zu machen, den Spielen einen Rahmen zu geben? Der FC Winterthur etwa macht am Samstag aus dem letzten Saisonspiel gegen Chiasso ein Happening: Im Anschluss an die Partie wird der Champions-League-Final auf Grossbildschirmen gezeigt.

Im Brügglifeld hingegen gibt es gefühlt ein Geisterspiel. Die treuen und lauten Hardcore-Fans quittieren das Gewurstel mit der härtesten aller Strafen: Sie wenden sich ab. Sie unterstützen lieber die Frauenmannschaft.