Kann mir jemand erklären, warum im deutschsprachigen Fernsehen täglich flächendeckend gemordet wird? Krimi, Krimi, Krimi. Nehmen wir einen beliebigen Tag, beginnen wir auf SRF. 16.10: SOKO Wien, Krimi-Serie. Zimmer 312. 16.55: SOKO Wien, Krimi-Serie. Familienbande. 17.45: Kommissar Rex. 20.05: Der Bestatter. Krimi-Serie … Das ist noch gar nichts gegen die grossen deutschen Sender. ZDF beginnt 10.30: Notruf Hafenkante. Krimi-Serie. Feind und Helfer. 11.15: SOKO Stuttgart. Krimi-Serie. Die Detektivin. 16.10: Die Rosenheim-Cops. Krimi-Serie. Der Mörder-Stier. 18.00: SOKO Stuttgart. Krimi-Serie. Rasende Wut. 19.25. Notruf Hafenkante. Krimi-Serie … Dann übernimmt ARD 20.15: Nord bei Nordwest. Krimireihe. 22.00: Babylon Berlin. Krimi-Serie … Spät ist wieder ZDF dran. 23.00: Tod eines Mädchens. Kriminalfilm … Nach Mitternacht Wiederholungen. 00.45: Die Spezialisten – Im Namen der Opfer. 01.30: Notruf Hafenkante. 02.15: SOKO Stuttgart … Man fragt sich, wer noch Zeit hat, auf ARTE zu schalten. 20.15: Bei Anruf Mord. Thriller. 21.55: Charlotte Link – Das andere Kind. Kriminalfilm … Ich beschränke mich absichtlich auf Gebühren-Sender. Nur in Klammer: Auch die übrigen sind nicht faul, SAT 1 zum Beispiel sendet von 20.15 bis 03.15 Criminal Minds, Krimiserie …

All das an einem ganz gewöhnlichen Dienstag. Allein auf ZDF werden jährlich 4500 Menschen ermordet, krasse zehn Mal mehr als in der trägen Wirklichkeit. Was ist da los? Ist das einfach krank – oder verfolgen die Qualitäts-Sender eine publizistisch plausible Absicht? Die argumentative Routine geht so: 1. Die Leute wollen Krimis sehen. 2. In Krimis lässt sich prima das ganze bunte Leben der Gesellschaft verpacken. Das erste Argument ist eher weich. Das zweite falsch.

Die Leute wollen immerzu Krimis sehen? Mag schon sein. Vor allem, weil sie permanent mit Krimis vollgestopft werden und so gar keine Ahnung mehr haben, was sie denn sonst so sehen möchten. Ist ja interessant, wie ausgerechnet die Gebühren-Sender, die es sich leisten könnten, beim Programm einer Idee zu folgen, sich auf den angeblichen Appetit ihres Publikums berufen. Obwohl zweifelhaft ist, ob es diesen Appetit in diesem Masse überhaupt gibt. Die Berufung auf den unersättlichen Krimi-Hunger der Leute ist etwa so überzeugend, wie wenn man sagen würde: Die Leute wollen «Mini Beiz, dini Beiz», oder: Sie wollen Schlager. Manche wollen das, klar. Was will lustigerweise die grosse Mehrheit? Das Neujahrskonzert mit den Wiener Philharmonikern! Klassik! Walzer! Grosse Emotion!

Die gäbe die Filmgeschichte her, die französische, italienische, tschechische usw. Wo bleiben diese Filme? Ausgerechnet jetzt, wo Netflix richtig aufdreht, wären die eine Fundgrube. Wären so animierend wie «Ziemlich beste Freunde», die quartalsmässig über alle Kanäle laufen. Warum nur sie? Und über die Festtage der stereotype Retro-Kitsch mit «Sissi»-Serie – warum? Jedoch nie Jiri Menzel, nur zum Beispiel, mit «Liebe nach Fahrplan», egal was, jedenfalls ein Drama mit Charme und Melancholie, mit Leidenschaft und Humor. Eine durchtriebene Komödie?

Nun wird behauptet, in Krimis lasse sich genau dieses volle buntscheckige Leben packen. Wie denn das? Krimiformate leben von der immer selben Spannungsdramaturgie: Sie sehen die Welt im Blick des Ermittlers. Der sieht überall verborgene Abgründe, düstere Geheimnisse, nicht nur beim mutmasslichen Täter, das gesamte Umfeld steht unter Verdacht, das gehört zum Krimiplot, je mehr suspekte Figuren, desto besser für die Spannung. Jedes Milieu erscheint als potenziell hinterhältig, verkommen, bedrohlich. Filme sollen Schattenseiten und Abgründe der Gesellschaft erforschen, klar, in jedem steckt ein geheimes Horrorkabinett. Also bloss kein Verharmlosungskitsch. Nur kann man das Weltbild auch umgekehrt verzerren – indem man so tut, als breche dieses Horrorkabinett permanent aus, als wimmle es von Mördern und Gewalttätern, als herrsche überall das Brutale, das Vulgäre, das Verderbte.

Mit der Realität haben diese Krimis herzlich wenig zu tun. Sie leben von der krampfhaft herbeifantasierten Dauerobsession von Hinterlist und Mord. Ihr Verbrauch an Halunken ist grenzenlos, wer denen begegnet, fällt erstaunlich rasch tot um. Okay, man kann grad das zum Lachen finden. Aber es wird so humorlos durchklischiert, ist halt eher zum Gähnen. Was genau will man uns eigentlich sagen? Fürchtet euch? Misstraut allen? Schliesst euch ein zu Hause?