Meine Texte habe ich schon an den absurdesten und unmöglichsten Orten geschrieben. Aktuell sitze ich in einem Van von San Francisco gen Reno, mit sechs Mitreisenden, die ihre Vorfreude auf das, was uns am Ziel erwartet, durch die Musiklautstärke ausdrücken müssen. We’re heading to «Burning Man».

Es laufen natürlich keine Kreativität fördernden Piano-Stücke, das ist irgendwelcher Minimal Elektro – oder wie auch immer man dieses Geschäppere nennt – der mich «dolby surround» von allen Seiten ankeift. Es ist viel zu lärmig, mein Laptop-Akku ist bei 43 Prozent und die Strassen sind so holprig, dass man sich selber zuflüstert: «Make gschiider the streets of America great again, du Depp.»

Der Zug in Sri Lanka war eine Schreiboase dagegen. Dazu kommen Jetlag und Zeitdruck, weil wir in knapp vier Stunden kein Internet mehr haben werden. Falls vorher nicht der Akku schlappmacht, ich bin bei 37 Prozent.

Aber ich bin selbst schuld, ich hätte die Kolumne ja auch letzte Woche oder vor einem Monat schreiben können. Zum Beispiel in einem Café zwei Velo-Minuten von meiner Wohnung entfernt, mit einem perfekt temperierten Matcha-Latte, Usain-Bolt-WiFi und Strom nicht nur in Unmengen, sondern auch nachweislich von glücklichen Freiland Öko-Windmaschinen.

Oder wieso habe ich sie nicht gestern geschrieben? Ich hatte den Laptop bereits auf meinen Oberschenkeln drapiert und war absolut bereit, in die Tastatur zu dreschen. Hm, wieso nicht, Gülsha? Da lagst du noch entspannt im Hotelzimmer auf einem sooo freshen Bettüberwurf, dessen Farbkombination nicht nur Kanye West zum Weinen gebracht hätte; nein, er wäre auch so dramatisch inspirierend gewesen, dass sich die Kolumne von alleine geschrieben hätte. Pulitzerpreis, Geld und Ruhm inklusive.

Aber ich bin mehr so der Typ «Herausschieberin». Nebst über 1400 unbeantworteten Mails pushe ich halt auch ab und zu eine Kolumne an den Rand der Machbarkeit. That’s my lifestyle. Akku bei 28 Prozent, in dieser Sekunde auf 27 Prozent runter.

Wegen meinen Weshalb-sind-die-Strassen-so-uneben-Wutausbrüchen und meiner passiv-aggressiven Bitte, doch die Musik etwas leiser zu stellen, hat der Verantwortliche für den Sound zu arabischem Ethnotechno gewechselt. Ich mache eine glückliche, orientalische Schlangenbewegung mit meinen Armen und bin jetzt wieder zurück bei Ihnen. Wie gesagt, ich fahre an dieses Festival mitten in der Wüste von Nevada. Ein Teil dieses Events zu sein, kostet mich einen Arm und eine Niere, aber ich will es dringend mal erleben.

Prokrastination liegt aber nicht drin, wenn man ans «Burning Man»-Festival will. Man muss zu einem Organisationswunder werden, zur persönlichen Assistentin in «Der Teufel trägt Prada». Multitasking, Verhandlungstalent und ein IQ von mindestens 178 sind ein Muss.

Alles muss man bedenken! Man bekommt keine Tickets, wenn man sich nicht frühzeitig anmeldet und dabei gleichzeitig alle seine Freunde, WhatsApp-Gruppenchats und Facebook-Bekanntschaften mobilisiert, für einen an der Verlosung teilzunehmen.

Wenn man es dann tatsächlich schafft, ein Ticket zu ergattern, braucht man nicht nur ein Flugbillett nach San Francisco, sondern auch ein Hotel, sowie einen Mietwagen und ein Motel in Reno, da man von dort dann aus aufs Gelände fährt.

Man muss wissen, wie viel Wasser man für eine Woche benötigt und welche Menge Spaghetti, Hummus und Weisswein, weil, man ist ja eine Woche in der Wüste. Und plötzlich macht man Listen, kauft Besteck und Thermoschlafsäcke ein, bestellt Lichterketten in China und zeichnet Pläne für Zelte. Akku bei 18 Prozent und der Musik-, Klimaanlagen- und Google-Maps-
Master wechselte auf 80er-Sound. Toto, Africa. Der Refrain wird laut und falsch mitgesungen, auch von mir.

Und an dieser Stelle gestehe ich auch, dass – wenn dieser ganze «Burning Man»-Trip der Film «Der Teufel trägt Prada» wäre – nicht ich diejenige wäre, die alles organisieren würde. Ich bin eine unbekannte Nebenrolle, die niemand wahrnimmt, die aber dennoch im Film mitspielt. Die ganzen Sachen organisiert haben die anderen. Deshalb sage ich ihnen auf diesem Weg Danke: Danke, Ätti, Diana, Onur, Maximilian, Nick und vor allem, danke, Bora!