Am meisten Freude an der kommunistischen «Armee der Schönheiten» bekundeten die Amerikaner. Vielleicht, weil Amerikaner Freude äussern können, ohne immer gleich Bedenken anzumelden wie Deutsche oder Schweizer. Wahrscheinlich aber darum, weil Amerikaner solche Shows einfach lieben – schliesslich haben sie das Wort dafür geprägt: Cheerleaders. Was 229 Cheerleaders aus Nordkorea bisher zeigen in Südkorea, erinnert die Amerikaner an sich selbst. Und so beschrieb die «New York Times» jenen wenigen Abstinenzlern, die die Samichlaus-Girls aus Nordkorea bisher nicht am Bildschirm verfolgten: «Stellen Sie sich eine Mischung vor aus Stewardessen der 60er-Jahre, den Cheerleadern der Dallas Cowboys und der Roten Armee.»

Alle drei Vergleiche sitzen. In Sachen Tuch, Rocklänge und Schnitt traten so zuletzt die Hostessen der PanAm auf. In Achterreihe, mit dem Hochstapler Frank Abagnale in ihrer Mitte (gespielt von Leonardo DiCaprio): alle gleich alt, gleich gross, gleich geschminkt, alle in Himmelsblau. Genauso waren die Nordkoreanerinnen gekleidet, als sie im Süden ankamen: alle gleich gross, gleich alt, gleich geschminkt, einfach in Rot, alle mit violettem Koffer. Als Hochstapler in ihrer Mitte lief kein Charmeur mit wie Leonardo DiCaprio, sondern pro Meitli-Zug je ein altersfaltiger Onkel als Aufpasser oder Funktionär.

Selbst der Vergleich mit der Football-Truppe der Dallas-Cowboys stimmt. Wer jetzt auf die Nordkoreanerinnen zeigt als militärisch-propagandistische Kolonne, in westlichen Zeitungen wahlweise als «sonderbar» oder «bizarr» bezeichnet, zeige ruhig auch auf sich selbst. Letzte Woche animierten Cheerleaderinnen die Super-Bowl in den USA, den obersten Feldherrn eingeschlossen. So sehr, dass dieser – erstens – das Kriegsbeil seiner laufenden Eheschlacht kurz beiseitelegte und – zweitens – Lust bekam auf eine tolle Militärparade in Washington, wie sie Kim Jong Un in Pjöngjang gerade durchgeführt hatte am Tag vor Olympia. Und nicht einmal der «Drill» ist System-bedingt – in diese Richtung laufen die Bedenken von Beobachtern hierzulande: wie «brutal» der Drill auf die Mädchen gewesen sein müsse, um jetzt derart synchron im Stadion den Kopf zu wenden und die Arme zu strecken. Erinnert sei da nur an eine dreizehnjährige Cheerleaderin in Denver, USA: Ihr brach der Trainer das Becken beim erzwungenen Spagat.

«Bizarr» mutet etwas anderes an, nämlich die banale Gleichzeitigkeit des Ungleichen. Noch banaler ausgedrückt: die moderne Schizophrenie. In der gleichen Woche, da jede «Tagesschau» den Auftritt von 229 dressierten Puppen zeigt, beschliesst man in Berlin, ein Gedicht an der Wand einer Hochschule zu überpinseln. Beides hängt zusammen. Das Gedicht, geschrieben vom schweizerisch-bolivianischen Doppelbürger Eugen Gomringer, bewundert Alleen, Blumen und Frauen. Niemand erteilte Gomringer dafür ein Kommando. Die 229 Schönheits-Soldatinnen hingegen wurden vom Regime erklärtermassen für Südkorea mobilisiert, um das «liebliche Gesicht des Landes im Norden» zu zeigen, um «beim Feind» breite Bewunderung auszulösen.

Nicht-propagandistische Poesie zerstört man in Europa mit der Begründung, sie sei «potenziell sexistisch». Zwei Tage später flimmert über jeden Westkanal absolut Unpoetisches: unverhohlene Staatspropaganda mit offen sexistischer Choreografie. Alles vor dem Hintergrund, dass zwei Blindgänger mit Atomwaffen spielen. Und aus Berlin dagegen kein Pieps. Schönen Ernst überpinseln, die Farce aber finden alle entzückend. Die Fotografen des globalen Sportzirkus rannten sich der Girls wegen buchstäblich über den Haufen. Die Demagogen hüben und drüben spielen sich wissend/unwissend in die Hände.

Man kann noch anderes lernen bei Betrachtung der traurig-fröhlichen Tänzerinnen an der Staatsstange Pjöngjangs. Zum Beispiel, wie verhext die Erotik immer spielt, auch bei falscher Inszenierung. Es genügen wenige Zeichen und Tricks. Die Nordkoreanerinnen, lesen wir, seien getrimmt auf südkoreanischen «Schönheits-Standard». Wie sich Schönheit fundamental ändern soll auf einer dünnen Demarkationslinie, ist uns schleierhaft. Aber ein Detail ist interessant: Sogenannte Smokey Eyes sind verpönt in Nordkorea – zu sexy, zu sündig der Nacht zugewandt. Die Soldateska in Pyeongchang aber stiefelt gem BesoBef stets mit «Smokey Eyes» ins Stadion. Ihre individuellen Züge, ihre einzelnen Eigenschaften sind egal. Harte Ausbildung, eiserne Fitness, strenge Auswahl – mehr braucht niemand zu wissen. Das sind Basics fernöstlicher Verführungskunst: Nichtwissen steigert die Fantasie, Fantasie wiederum steigert die Anziehungskraft. Dasselbe Prinzip machen sich japanische Geishas zunutze: Das Gesicht wird zum leeren Mond geschminkt mit Kirschenmund, damit alles darauf projiziert werden kann.

Lassen wir uns nicht blenden vom Hokuspokus. Nehmen wir das graziöse Getue als Gezeter, Lüge und Kosmetik. Bleiben wir kalt, erbarmen wir uns nicht. Natürlich müssten alle 229 Nordkoreanerinnen errettet werden aus ihrer Zwangsherrschaft. Aber selbst dieser Reflex dürfte einkalkuliert sein von ihren altersfaltigen Schergen: Auch die Befreiung trauriger Mädchen aus den Klauen eines Monsters ist ein müder Topos.